 aber hat es nicht sein Gutes, dass wir noch im Vaterlande Schanzen und
Wälle der frei bewahrten Selbständigkeit gegeneinander aufwerfen können? Die
Einheit ist ein schöner Klang; aber sie gewinnen auf Kosten unserer bessern
Natur? Wer möchte das befürworten um solchen Preis! Der Deutsche bildet nur ein
geistiges Volk. Seine Kraft liegt auf der Scholle, die er verteidigt, seiner
Sitte, seiner Sprache, seinen Überlieferungen. Mit dem überall aufgepflanzten
einheitlichen Banner, einem schwarzweissen oder schwarzgelben oder
schwarzrotgoldenen sogar, würden wir unsern besten Gehalt verlieren, und so ist
auch die plattdeutsche Sprache nur Hemmschuh zu desto sichererer Fahrt.
Nivellirenden Staatsmännern gegenüber schützt gerade sie Person und Gemeinde.
    
    Wenn die Damen Karstens Romane lasen, so suchten sie glücklicherweise immer
gerade das, was andere überschlugen. Sie strichen sich gern sogenannte schöne
Gedanken an und schrieben sie hernach in ihre Sammlungen über zur erhebenden
Lektüre in Augenblicken der Sehnsucht und des Sichnichtverstandenfühlens oder
zur Stammbücherbenutzung. Diese Erörterung, die der Doctor ihnen anzuhören
zumutete, nahmen sie für eine ihrem Geiste dargebrachte große Huldigung. Schon
weckte dieselbe die überraschte Aufmerksamkeit der Nachbarschaft. Fernerhin war
der Übergang in die gerade schwebende Frage des Zollvereinsanschlusses die
leichteste Folge dieser Meinungsäusserung, für welche freilich Lucinde keinen
Widerspruch hatte. Sie ließ den beiden Damen den Triumph, durch die Festaltung
ihrer heimischen Sprache auch den Kaffee, den Zucker und den Wein vor den
Gefahren des Untergehens in deutscher Allgemeinheit gerettet zu sehen. Lauschte
nebenan der Professor vom Johanneum, so musste er seine Freude gehabt haben an
Klingsohr's Rede. Er würde nicht Anstand genommen haben, ihn zu einem Bekenner
der Schule Justus Möser's zu machen, einer Schule, die bekanntlich keine
Wiedergeburt Deutschlands zulassen würde, wenn nicht auch in ihr Rechnung
getragen würde dem Ewig-Osnabrückischen.
    Der Abend wurde kühl, wie es die vielen Wiesen nach Untergang der Sonne mit
sich bringen.
    Klingsohr wollte an die Alster und bat um Lucindens Begleitung ...
    Diese warf ihre Mantille um, einen Hut über und begleitete ihren Freund,
wohin er sie zu führen gedachte.
    Es gab trotz der volkreichen Stadt, die zu einer bestimmten Stunde auch wie
im Nu durch die teuere Torsperre die Bevölkerung in ihre Wälle und Mauern
zurückdrängt, hier draußen einsame und stille Wege. Sie waren ländlicher Art,
führten durch Weidenalleen über Wiesen an Bächlein entlang, führten durch kleine
Birkengehölze und endeten in parkähnlichen Vergnügungsorten, die jetzt von
Menschen ganz entleert waren.
    Der Himmel wurde dunkler und dunkler und ließ schon einzelne Sterne blicken.
Die Sichel des Mondes stand schon länger, aber sie war noch matt und füllte sich
mit vollerm Lichtglanz erst gegen Mitternacht.
    Das stille, heimliche Käferleben in Büschen, an Hecken und Zäunen regte
sich; es war kurz nach Johannis.
