 in Armgart's Welt zurückführt ...
    Etikette war ihr von allen Erb- und Erbsketten schon von frühster
Kindheitserinnerung an eine der härtesten und grausamsten - Auch im Stift wurde
noch jetzt der Vorwurf des Mangels an Etikette nie anders ausgesprochen als mit
jener Geringschätzung etwa, die den Mangel an sechszehn Ahnen begleitete ...
    Wer das Geheimnis der Liebe in einer reinen, eben vom Kind zur Jungfrau
erblühten Natur beobachtet hat, weiß es, dass sich die älteste aller
Weltbegebenheiten im Mädchenherzen immer wie das Allerneueste wiederholt. Jede
liebende Seele glaubt die Liebe zuerst erfunden zu haben ...
    Die Tradition ist dann allerdings mächtig. Es gibt sechszehnjährige
Oberflächlichkeiten genug, die die angeborene Nichtsbedeutung durch das
schnellste Annehmen aller über Welt, Leben, auch die Liebe überlieferten
Begriffe kund geben und ebenso basenhaft von der Liebe fühlen und sprechen, wie
jede ihrer Tanten ...
    Doch fehlen auch Erscheinungen nicht, die, wie die Schnecke ihr eigenes
Haus, so sich ihre eigene Welt aus ihrem Innersten erbauen ... Erscheinungen,
die erst lange, oft nach den gefahrvollsten, ja das eigene Leben bedrohenden
Umwegen auf eure gemeinplätzlichen Entweder-Oders, eure »Liebe oder Hass«, euer
»Wille oder Zwang«, eure »Natur oder Unnatur« ankommen, Gegensätze, die nun
einmal die geltenden sind. Sie kommen dahin oft an erst mit gebrochenem Herzen,
geknicktem Genius, für immer verbrauchter Lebenskraft ...
    Weiß denn wohl Armgart, was die Liebe ist? ...
    Sie sollte es doch wohl empfunden haben, wie es tut, im Arm eines Mannes zu
ruhen, der von glühender Neigung ergriffen ist ... Sie sollte es doch wohl wissen
von damals, als sie vom Hüneneck herabstürmte und in Benno's Arme sank, der sie
auffing und so lange hielt, bis sie wieder den verlorenen Atem gefunden ... Sie
sollte Tiebold's »Schmachten« verstanden haben und aus der Pension vollkommen
wissen, wonach sich schon so früh Tausende von jungen Mädchenherzen sehnen ...
    Aber sie hatte nun eben nicht den Trieb, immer allein in sich selbst zu
verharren ... Schon als Kind lebte sie nur für andere - sie lebte für Paula, die
sie bediente, der sie half, die sie verteidigte, so klein sie war. Der Freundin
war sie ein Bannerträger, wenn auch nur gegen Sonnenstrahl und Regen ... Und die
Tante ließ das Gefühl, dass sie auch selbst etwas war, niemals bei ihr aufkommen
... Sie wuchs auf unter Anklagen, dass sie, wie sie's nannte, überhaupt nur in
der Welt wäre ... Bettina liebte als Kind den schon bejahrten Goethe deshalb,
weil sie in Frankfurt nur
