 Sein Lebensüberdruss war
jene Krankheit, die sich bei allen jenen Menschen findet, die etwas anderes
tun, als sie denken ... Könige haben wir gesehen, die geistesschwach wurden,
weil sie eine Welt von schönen Gedanken, Plänen und Entwürfen in sich trugen und
keine Menschen fanden oder - suchten, die sie bei ihrer Ausführung
unterstützten. Der Mut, der schon zum Brechen mit den Rücksichten, die uns
binden, bei ihnen nicht vorhanden war, fehlte vollends für alles Übrige, was
das Leben begehrt; ein geknickter Genius spielt zuletzt mit Puppen, die er an-
und auszieht ... Und dann - dann wissen: Das ist unwahr! und es dennoch
befördern - darum befördern, weil die Lüge einem andern zu Schaden kommt, den
man hasst -! das untergräbt vollends die innerste Seele, wenigstens deren Ruhe
...
    Nück konnte zu Lucinden auf ihrem kleinen Kabinet oder wenn sie ihn selbst,
scheinbar in Aufträgen, in dem Zimmer besuchte, das zum Garten der Seminaristen
hinausging - wenn sie vor ihm auf seinem unheimlichen Sopha saß, unter dem
verhängnisvollen Ringhaken an der Decke - ganz wie der verzweifelnde Serlo
sprechen: Es ist nichts mit unserm Hoffen und Glauben! Erde wird Erde! Wir
düngen die Zukunft! Apostel oder Mörder - omnes una manet nox! (alle erwartet
eine und dieselbe Nacht!) ...
    Dennoch ging ein Mann mit solchen Ansichten in die Kirchen und Kapellen,
bückte sich im Beichtstuhl und kreuzigte sich in der Messe ...
    Nück konnte spotten über die Priester, konnte in seiner cynischen Art von
reichen, wohlgenährten Pfründnern, die Lucinde in seinem Vorzimmer antraf,
sagen: »Sehen sie nicht aus wie die roten Fettäpfel, die die gebratene Gans
Kirche in ihrem Steisse trägt!« ... Sprang auch Lucinde bei solchen Worten auf,
entfernte sich, so nahm sie doch das staunende Gefühl mit: Dennoch kämpfst du
wie ein Löwe, offen und heimlich, für die Wiedereinsetzung des Kirchenfürsten?
...
    Nück konnte so laut lachen über die Verlegenheiten der Regierung, dass es
gellend dahinschallte in den Zimmern seiner Schwiegermutter, die er jetzt jeden
Abend besuchte ... Das wird die Lernäische Schlange! rief er. Einen Kopf hauen
sie herunter und zwei wachsen wieder! Ha, ha! Die Zeiten sind vorüber, wo die
Schusterjungen, wenn sie in Berlin in einem Winkel am königlichen Opernhaus ihre
Bedürfnisse befriedigen wollten, von den Gensdarmen hören konnten: »Wozu ist
denn da drüben die katholische Kirche?!« ...
    Solche Cynismen milderte die Lokalsprache, deren sich Nück bei seinen
Bildern bediente ...
    Die Frauen protestirten durch Aufstehen und heftigste Vorwürfe ... Bald aber
setzten sie sich wieder und
