 Mein
Gastfreund fahre in seinem einfachen Leben fort, er bestrebe sich, dass sein
kleiner Fleck Landes seine Schuldigkeit, die jedem Landbesitze zum Zwecke des
Bestehenden obliege, bestmöglich erfülle, er tue seinen Nachbarn und andern
Leuten viel Gutes, er tue es ohne Gepränge, und suche hauptsächlich, dass es in
ganzer Stille geschehe, er schmücke sich sein Leben mit der Kunst, mit der
Wissenschaft und mit andern Dingen, die halb in dieses Gebiet, halb beinahe in
das der Liebhabereien schlagen, und er suche endlich sein Dasein mit jener Ruhe
der Anbetung der höchsten Macht zu erfüllen, die alles Bestehende ordnet. Was
zuletzt auch noch zum Glücke gehört, das Wohlwollen der Menschen, komme ihm von
selber entgegen. Eustach und der ziemlich selbstständige Roland haben sich zum
Teile an dieses Gewebe von Tätigkeiten angeschlossen, zum Teile folgen sie
eigenen Antrieben und Verhältnissen. Gustav strebe erst auf der Leiter seiner
Jugend empor, und sie glaube, er strebe nicht unrichtig. Wenn dieses sei, so
werde dann die letzte Sprosse an jede Höhe dieses Lebens anzulegen sein, auf der
ihm einmal zu wandeln bestimmt sein dürfte. Was endlich sie selber und Natalie
betreffe, so sei das Leben der Frauen immer ein abhängiges und ergänzendes, und
darin fühle es sich beruhigt und befestigt. Sie beide hätten den Halt von
Verwandten und nahen Angehörigen, dem sie zur Festigung von Natur aus zugewiesen
wären, verloren, sie leben unsicher auf ihrem Besitztum, sie müssten manches aus
sich schöpfen wie ein Mann, und genießen der weiblichen Rechte nur in dem
Widerscheine des Lebens ihrer Freunde, mit dem der Lauf der Jahre sie verbunden
habe. Das sei die Lage, sie daure ihrer Natur nach so fort, und gehe ihrer
Entwicklung entgegen.
    Mich hatte diese Darstellung Mathildens beinahe ernst gemacht. Die Stimmung
milderte sich wieder, da wir auf die Erzählung von Dingen kamen, die sich in
diesem Sommer zugetragen hatten. Matilde berichtete mir über die Rosenblüte,
über die Besuche in derselben, über ihr Leben auf dem Sternenhofe und über das
Gedeihen alles dessen, was der Jahresernte entgegen sehe. Ich beschrieb ihr ein
wenig meinen jetzigen Aufenthaltsort, erklärte ihr, was ich anstrebe, und
erzählte ihr, auf welchen Wegen und mit welchen Mitteln wir es auszuführen
versuchen.
    Nachdem das Gespräch auf diese Art eine Zeit gedauert hatte, empfahl ich
mich und begab mich in mein Zimmer.
    Es war mir dieselbe Wohnung eingeräumt und hergerichtet worden, welche ich
jedes Mal, so oft ich in dem Sternenhofe gewesen war, inne gehabt hatte. Ein
Diener hatte mich von dem Vorzimmer Mathildens in dieselbe geführt. Sie hatte
beinahe genau dasselbe Ansehen wie früher, wenn ich ein Bewohner dieses Hauses
gewesen war. Sogar die Bücher, welche der Hausverwalter jedes
