 zu einer Mode machen, die den Geist nicht kennt,
sondern nur die Veränderung liebt. Du kannst es noch erleben, wenn wieder eine
Hohe eintritt; denn ein Schwellen von Tiefe in Höhe und ein Sinken aus der Höhe
in die Tiefe war immer vorhanden. Wenn die Erkenntnis des Altertums, nicht bloß
des unsern, sondern des noch schöneren des Griechentums, wie es sich jetzt
auszusprechen scheint, immer fortschreitet und nicht ermattet, so werden wir
auch dahin kommen, dass wir eigene Werke werden ersinnen können, in denen die
ernste Schönheitsmuse steht, nicht Leidenschaft oder Absicht oder ein
äusserlicher Reiz oder ledigliche planlose Heftigkeit, Werke, die nicht
nachgeahmt sind, oder in denen nur ein älterer Stil ausgedrückt ist. Wenn wir
dahin gekommen sind, dann dürften wir wohl auch gesellschaftlich auf einer Stufe
stehen, dass nicht bloß Teile unseres Volkes nach außen mächtig sind, sondern das
ganze Volk, und dass es dann mit seinem Leben gelassen kräftig auf das Leben
anderer Völker wirkt. Ich denke immer, die sind glücklich, die die Lerchen
dieses Frühlings singen hören; aber diese werden den Zustand nicht so empfinden
wie der, der andere gesehen hat, so wie der Unschuldige seine Unschuld nicht
empfindet, der rechtliche Mann seine Rechtschaffenheit nicht hoch anschlägt, und
verdorbene Zeiten ihre Verdorbenheit nicht kennen.«
    Ich dachte, da mein Vater so sprach, an meinen Gastfreund, der ähnlich fühlt
und sich ähnlich ausspricht. Aber es ist ja kein Wunder, dass Männer, die ein
ähnliches Streben haben, also auch ähnlichen Geist besitzen, auf ähnliche
Gedanken kommen, besonders, wenn sie an Alter nicht zu verschieden sind.
    Wir betrachteten nun das Einzelne.
    Mein Vater hatte Bilder von Tizian, Guido Reni, Paul Veronese, Annibale
Karacci, Dominichino, Salvator Rosa, Nikolaus Poussin, Klaude Lorrain, Albrecht
Dürer, den beiden Holbein, Lukas Cranach, Van Dyck, Rembrandt, Ostade, Potter,
van der Neer, Wouvermann und Jakob Ruisdael. Wir gingen von dem einen zu dem
andern, betrachteten ein jedes, taten manches Bild auf die Staffelei, und
redeten über ein jedes. Mein Herz war voll Freude. Es erschien mir jetzt immer
deutlicher, was ich beim ersten Anblicke nur vermutet hatte, dass die Bilder in
dem Gemäldezimmer meines Vaters lauter vorzügliche seien, und dass sie noch dazu
an Wert so sehr zusammen stimmten, dass das Ganze eben den Eindruck eines
Ausserordentlichen machte. Ich hatte schon so viel Urteil gewonnen, dass ich
dachte, nicht gar zu weit mehr in die Irre geraten zu können. Ich äußerte mich
in dieser Beziehung gegen meinen Vater, und er versicherte in der Tat, dass er
glaube, dass er nicht nur gute Meister besitze, sondern auch von diesen Meistern
