 und tiefe Anerkennung ist wohl selten einem Meister
zu Teil geworden. Wer aber in einer bestimmten Richtung befangen ist und nur die
Schönheit, die in ihr liegt, zu fassen und zu genießen versteht, oder wer sich
in einzelne Reize, die die neuen Werke bringen, hineingelebt hat, für den ist es
sehr schwer, solche Werke des Altertums zu verstehen, sie erscheinen ihm
meistens leer und langweilig. Ihr wart eigentlich auch in diesem Falle. Wenn
gleich nicht von der neuen, nur bestimmte Seiten gebenden Kunst befangen, habt
Ihr doch Abbildungen von gewissen Gegenständen, besonders denen Eurer
wissenschaftlichen Bestrebungen, zu sehr und zu lange in einer Richtung gemacht,
als dass Euer Auge sich nicht daran gewöhnt, Euer Gemüt sich nicht dazu
hingeneigt hätte, und ungefüger geworden wäre, etwas anderes mit gleicher Liebe
aufzunehmen, das in einer anderen Richtung lag, oder vielmehr, das sich in
keiner oder in allen Richtungen befand. Ich habe gar nie gezweifelt, dass Ihr zu
dieser Allgemeinheit gelangen werdet, weil schöne Kräfte in Euch sind, die noch
auf keinen Afterweg geleitet sind und nach Erfüllung streben; aber ich habe
nicht gedacht, dass dies so bald geschehen werde, da Ihr noch zu kraftvoll in dem
auf seiner Stufe höchst lobenswerten Streben nach dem Einzelnen begriffen wart.
Ich habe geglaubt, irgend ein großes allgemeines menschliches Gefühl, das Euch
ergreifen würde, würde Euch auf den Standpunkt führen, auf dem ich Euch jetzt
sehe.«
    Ich konnte eine geraume Zeit auf diese letzte Rede meines Gastfreundes
nichts antworten. Wir gingen schweigend in dem Saale auf und nieder, und es war
um so stiller, als unsere mit weichen Sohlen bekleideten Füße nicht das
geringste Geräusch auf dem glänzenden Fußboden machten. Blitze zuckten zuweilen
in den Spiegelflächen um und unter uns, der Donner rollte gleichsam bei den
offenen Fenstern herein, und die Wolken bauten sich in Gebirgen oder in Trümmern
oder in luftigen Länderstrecken durch den weiten Raum auf, den die Fenster des
Saales beherrschten.
    Ich sagte endlich, dass ich mich jetzt erinnere, wie mein Vater oft geäußert
habe, dass in schönen Kunstwerken Ruhe in Bewegung sein müsse.
    »Es ist ein gewöhnlicher Kunstausdruck,« entgegnete mein Gastfreund, »allein
es täte es auch ohne ihn. Man versteht gewöhnlich unter Bewegung Bewegbarkeit.
Bewegung kann die bildende Kunst, von der wir hier eigentlich reden, gar nicht
darstellen. Da die Kunst in der Regel lebende Wesen, Menschen, Tiere, Pflanzen -
und selbst die Landschaft trotz der starrenden Berge ist mit ihren beweglichen
Wolken und ihrem Pflanzenschmucke dem Künstler ein Atmendes; denn sonst wird sie
ihm ein Erstarrendes - darstellt, so muss sie diese Gegenstände so darstellen,
dass es dem Beschauer erscheint, sie könnten sich im nächsten Augenblicke
