. Es sind manche
Männer gekommen, das Standbild zu betrachten, manche Freunde und Kenner der
alten Kunst, und der Erfolg ist fast immer derselbe gewesen, ein Ernst der
Anerkennung und der Würdigung. Wir, Eustach und ich, sind in den Dingen der
alten Kunst sehr hiedurch vorgeschritten, und beide sind wir von der alten Kunst
erst recht zur Erkenntnis der mittelalterlichen gekommen. Wenn wir die
unnachahmliche Reinheit, Klarheit, Mannigfaltigkeit und Durchbildung der alten
Gestaltungen betrachtet hatten und zu denen des Mittelalters gingen, bei welchen
große Fehler in diesen Beziehungen walten, so sahen wir hier ein Inneres, ein
Gemüt voll Ungezierteit, voll Glauben und voll Innigkeit, das uns fast im
Stammeln so rührt, wie uns jenes dort im vollendeten Ausdrucke erhebt. Über die
Zeit der Entstehung unseres Standbildes können wir auch jetzt noch nichts Festes
behaupten, auch nicht, ob es mit anderen aus dem Volke von Standbildern, das in
Hellas stand, nach Rom gekommen ist, oder ob es unter den Römern von einem
Griechen gefertigt worden ist, wie man es in jener Römerzeit, da griechische
Kunst mit nicht hinlänglichem Verständnisse über Italien ausgebreitet wurde, in
den Sitz eines Römers gebracht hat, und wie es auf ein ganz anderes, entferntes
Geschlecht übergegangen ist.«
    Er schwieg nach diesen Worten, und ich sah den Mann an. Wir waren, während
er sprach, in dem Saale auf und nieder gegangen. Ich begriff, warum er diesen
Saal bei Abendgewittern aufsucht. Durch die hellen Fenster schaut der ganze
südliche Himmel herein, und auch Teile des westlichen und des östlichen sind zu
erblicken. Die ganze Kette der hiesigen Alpen kann am Rande des Gesichtskreises
gesehen werden. Wenn nun ein Gewitter in jenem Raume entsteht - und am schönsten
sind Gewitterwände oder Gewitterberge, wenn sie sich über fernhinziehende
Gebirge lagern, oder längs des Kammes derselben dahin gehen -, so kann er
dasselbe frei betrachten, und es breitet sich vor ihm aus. Zu dem Ernste der
Wolkenwände gesellt sich der Ernst der Wände von Marmor, und dass in dem Saale
gar keine Geräte sind, vermehrt noch die Einsamkeit und Größe. Wenn nun vollends
schon eine schwache Abenddämmerung eingetreten ist, so zeigt die Oberfläche des
Marmors den Widerschein der Blitze, und während wir so auf und nieder gingen,
war einige Male der reine, kalte Marmor wie in eine Glut getaucht, und nur die
hölzernen Türen standen dunkel in dem Feuer, oder zeigten ihre düstere Fügung.
    Ich fragte meinen Gastfreund, ob er das Marmorstandbild schon lange besitze.
    »Die Zahl der Jahre ist nicht sehr groß,« antwortete er, »ich kann sie Euch
aber nicht genau angeben, weil ich sie nicht in meinem Gedächtnisse behalten
habe. Ich werde in meinen Büchern nachsehen
