 ein Wort zu Euch rede. Ihr solltet zu Eurem Wesen eine breitere Grundlage
legen. Wenn die Kräfte des allgemeinen Lebens zugleich in allen oder vielen
Richtungen tätig sind, so wird der Mensch, eben weil alle Kräfte wirksam sind,
weit eher befriedigt und erfüllt, als wenn eine Kraft nach einer einzigen
Richtung hinzielt. Das Wesen wird dann im Ganzen leichter gerundet und gefestet.
Das Streben in einer Richtung legt dem Geiste eine Binde an, verhindert ihn, das
Nebenliegende zu sehen, und führt ihn in das Abenteuerliche. Später, wenn der
Grund gelegt ist, muss der Mann sich wieder dem Einzigen zuwenden, wenn er
irgendwie etwas Bedeutendes leisten soll. Er wird dann nicht mehr in das
Einseitige verfallen. In der Jugend muss man sich allseitig üben, um als Mann
gerade dann für das Einzelne tauglich zu sein. Ich sage nicht, dass man sich in
das Tiefste des Lebens in allen Richtungen versenken müsse, wie zum Beispiele in
allen Wissenschaften, wie Ihr ja selber einmal angefangen habt, das wäre
überwältigend oder tötend, ohne dabei möglich zu sein; sondern dass man das
Leben, wie es uns überall umgibt, aufsuche, dass man seine Erscheinungen auf sich
wirken lasse, damit sie Spuren einprägen, unmerklich und unbewusst, ohne dass man
diese Erscheinungen der Wissenschaft unterwerfe. Darin, meine ich, besteht das
natürliche Wissen des Geistes zum Unterschiede von der absichtlichen Pflege
desselben. Er wird nach und nach gerecht für die Vorkommnisse des Lebens. Ihr
habt, scheint es mir, zu jung einen einzelnen Zweig erfasst, unterbrecht ihn ein
wenig, Ihr werdet ihn dann freier und großartiger wieder aufnehmen. Schaut auch
die unbedeutenden, ja nichtigen Erscheinungen des Lebens an. Geht in die Stadt,
sucht Euch deren Vorkommnisse zurecht zu legen, kommt dann zu uns auf das Land,
lebt einmal eine Weile müßig bei uns, das heißt, tut, was Euch der Augenblick
und die Neigung eingibt, wir wollen dieses Haus und den Garten genießen, wollen
den Nachbar Ingheim besuchen, wollen auch zu anderen, entfernteren Nachbarn
gehen, und die Dinge an uns vorüber fließen lassen, wie sie fließen.«
    Ich dankte ihm für seine Bemerkungen, sagte, dass ich selber so etwas
Ähnliches in mir empfinde, dass ich wohl etwas unbeholfen gegen das Leben sei,
dass meine Eltern und wohlmeinenden Freunde wohl Nachsicht mit mir haben müssen,
und dass ich für jeden Wink dankbar sei. Besonders freue mich die Einladung in
sein Haus, und ich werde ihr mit vieler Freude Folge leisten.
    Als die Zeit meiner Abreise herangekommen war, packte ich die Zeichnungen
und alles, was ich in dem Rosenhause hatte, ein, nahm den herzlichsten Abschied
von dem alten Manne, Gustav, Eustach, Roland
