 mich mit ihren Gedanken
wie mit großen Erquickungen durch den Rest meines Lebens, und werden mir wohl,
wie ich ahne, an der dunkeln Pforte Kränze aufhängen, als wären sie von meinen
eigenen Rosen geflochten. Deshalb gehe ich auch kein Buch aus dem Hause, weil
ich nicht weiß, ob ich es nicht in nächster Zeit selber brauchen werde. Im Hause
stehen sie jedem, der davon Gebrauch machen will, zu Gebote. Nur für Gustav wird
eine Auswahl getroffen, weil er noch zu jung ist und nicht alles sondern kann.
Er würde hier zwar nichts gänzlich Schlechtes finden; aber nicht alles Gute
würde er verstehen, und dann wäre die daran gewendete Zeit verloren; oder er
könnte es missverstehen, und dann wäre der Erfolg ein unrichtiger. Das Schlechte,
das sich Dichtkunst nennt, ist der Jugend sehr gefährlich. In der Wissenschaft
zeigt es sich viel leichter auf. In der Mathematik liegt es in der Darstellung,
da solche Werke wohl kaum vorkommen dürften, in denen sogar der Stoff fehlerhaft
wäre, in der Naturwissenschaft liegt es in der Darstellung wie im Stoffe, in
welch letzterem es sich in der Gestalt gewagter Behauptungen ausspricht; nur in
der sogenannten Weisheitslehre kann es verborgener sein gleichwie in der
Dichtkunst, weil manche Weisheitslehre wie Dichtkunst zusammen gestellt ist und
wirkt; aber in den Werken der eigentlichen Dichtkunst versteckt es sich vor dem
blühenden Gemüte des Jünglings, dieser breitet seine Blüten und seine Begierden
darüber, und saugt das Gift in sich. Ein klarer Verstand, der sich von Kindheit
an eben zur Klarheit hingeübt hat, und ein gutes, reines Herz sind Schutzwehren
vor Schlechtigkeit und Sittenlosigkeit von Dichtungen, weil der klare Verstand
den hohlen Schwulst von sich abweist und das reine Herz die Unsittlichkeit
ablehnt. Aber beides geschieht nur gegen die Entschiedenheit des Schlechten. Wo
es in Reize verhüllt ist und mit Reinem gemischt, dort ist es am bedenklichsten,
und da müssen Ratgeber und väterliche Freunde zu Hilfe stehen, dass sie teils
aufklären, teils von vornherein die Annäherung des Übels aufhalten. Gegen die
Schlechtigkeit in der Darstellung oder gegen die lange Weile braucht man kein
Mittel als sie selber. Ihr seid zwar noch jung; aber Ihr seid nicht so jung zu
dem Lesen von Dichtern gekommen wie die meisten unserer Jünglinge, und Ihr habt
so viel in Wissenschaften gelernt, dass ich glaube, dass man Euch alle Dichter in
die Hände geben kann, ohne Gefahr zu befürchten, selbst bei solchen, die in
ihrem Amte sehr zweifelhaft sind. Euer Geist wird sich wohl heraus finden und
gerade dadurch noch mehr klären. Da ich von der Weisheitslehre sprach, welche
man in unserem deutschen Lande noch immer als Weisheitsliebe mit dem
griechischen Worte Philosophie bezeichnet, muss ich Euch sagen, was Ihr
