
Menschen, wenn ich ja Natur und Menschen gegenüber stellen soll, weil man die
Gegenstände der Natur außer sich hinstellen und betrachten kann, die Gegenstände
der Menschheit aber uns durch uns selber verhüllt sind. Man sollte meinen, dass
das Gegenteil stattaben solle, dass man sich selber besser als Fremdes kennen
solle, viele glauben es auch; aber es ist nicht so. Tatsachen der Menschheit, ja
Tatsachen unseres eigenen Innernwerden uns, wie ich schon einmal gesagt habe,
durch Leidenschaft und Eigensucht verborgen gehalten oder mindestens getrübt.
Glaubt nicht der größte Teil, dass der Mensch die Krone der Schöpfung, dass er
besser als alles, selbst das Unerforschte sei? Und meinen die, welche aus ihrem
Ich nicht heraus zu schreiten vermögen, nicht, dass das All nur der Schauplatz
dieses Ichs sei, selbst die unzähligen Welten des ewigen Raumes dazu gerechnet?
Und dennoch dürfte es ganz anders sein. Ich glaube daher, dass Gustav erst nach
Erlernung der Naturwissenschaften zu den Wissenschaften des Menschen übergehen
soll, und dass er da ungefähr die Reihe beobachten soll: Körperlehre,
Seelenlehre, Denklehre, Sittenlehre, Rechtslehre, Geschichte. Hierauf mag er
etwas von den Büchern der sogenannten Weltweisheit lesen, dann aber muss er in
das Leben selber hinaus kommen.«
    Zum Unterrichte für Gustav waren gewisse Stunden festgesetzt, welche der
alte Mann nie versäumte, andere Stunden waren für die Selbstarbeit bestimmt,
welche Gustav wieder gewissenhaft hielt. Die übrige Zeit war zu freier
Beschäftigung überlassen.
    In solchen Zeiten waren wir manches Mal in dem Lesezimmer. Mein Gastfreund
kam auch öfter, und gelegentlich auch Eustach oder der eine und der andere
Arbeiter. Für Gustav waren nach der Wahl seines Lehrers die Bücher, die er lesen
durfte, bestimmt. Er benutzte sie fleißig, ich sah aber nie, dass er nach einem
anderen langte. Eustach und die anderen Leute hatten freie Auswahl, und
natürlich ich auch. Da ich das erste Mal in diesem Hause war, hatte ich es
getadelt, dass das Bücherzimmer von dem Lesezimmer abgesondert sei, es erschien
mir dieses als ein Umweg und eine Weitschweifigkeit. Da ich aber jetzt länger
bei meinem Gastfreunde war, erkannte ich meine Meinung als einen Irrtum.
Dadurch, dass in dem Bücherzimmer nichts geschah, als dass dort nur die Bücher
waren, wurde es gewissermaßen eingeweiht, die Bücher bekamen eine Wichtigkeit
und Würde, das Zimmer ist ihr Tempel, und in einem Tempel wird nicht gearbeitet.
Diese Einrichtung ist auch eine Huldigung für den Geist, der so mannigfaltig in
diesen gedruckten und beschriebenen Papieren und Pergamentblättern enthalten
ist. In dem Lesezimmer aber wird dann der wirkliche und der freundliche Gebrauch
dieses Geistes vermittelt, und seine Erhabenheit wird in unser unmittelbares und
irdisches Bedürfnis gezogen. Das Zimmer ist auch
