 zwischen seine Mutter und Elise, die schnell nach der andern Seite
rückt, wohin er ihr ebenso schnell folgt. Seinen Arm um sie legend, hält er
folgende Rede: »Lieschen, englische Kusine Ralff, ich beschwöre dich, höre mich!
- Glaubst du etwa, ich habe, nachdem du jenem Schauplatz eitler Freuden den
Rücken gewandt, weitergewalzt? Du irrst! Du irrst! Gute Werke habe ich getan,
meine Schuld zu sühnen: den edlen Holzmann - Holzmann, komm mal her und gib mir
die Schachtel mit den feurigen Tränen! -, den edlen Holzmann habe ich aus den
Klauen des racheschnaubenden Krippenstapels gerettet; Fräulein Tekla Stichel
habe ich aus der amüsantesten aller Lagen, oder vielmehr Sitzungen,
emporgezogen; als mitten im Kontretanz dem Freiwilligen Breimüller der Steg riss
und ihm die Unnennbare bis zum Knie hinaufschnurrte, habe ich ihm eine Droschke
herbeigepfiffen; kurz überall, wo Tränen zu trocknen waren, war auch ich - wie
gesagt, nur um meine Schuld zu büßen. Und hier, Lieschen (Holzmann, gib mir die
Schachtel), nicht allein getrocknet habe ich Tränen, auch gesammelt habe ich
welche! - Sieh, Lieschen!«
    Einen Ausruf der Verwunderung und Freude stößt Elise trotz ihrem Groll aus,
als ihr der Bösewicht den Inhalt seiner Schachtel in den Schoss schüttet und
unzählige funkelnde, leuchtende Johanniswürmer um sie herum kriechen und
schwirren.
    Die Lampen sind weit genug entfernt, dass die Tierchen in ihrem ganzen Glanz
erscheinen können, und es ist wirklich ein hübscher Anblick - diese besternte
Elise!
    »Das sind meine Reuetränen, und du - kriegst Tänzer leider zu viel - ohne
mich! - und ich bin ein Teekessel und et cetera - Lieschen?! - Lieschen, gucke
mich mal an!«
    »Taugenichts!« sagt Elise, dem Sünder in die Haare greifend, und - der
Friede ist geschlossen! -
    War denn der alte Meister Frei an diesem Abend ganz aus Rand und Band? Auf
einmal verkündete er, dass er seinen morgenden 69sten Geburtstag (es war der
letzte seines Lebens) jetzt feiern wolle, da bei solchen Gelegenheiten das
Improvisieren den wahren Genuss und Jubel hervorbringe. Das halbe Atelier machte
er halb betrunken, die ganze weibliche Welt ganz angeheitert. Ein Kranz wurde
ihm aufgesetzt trotz allem Sträuben - ein Kranz, der nur so sein musste. Der
Domprediger hielt eine Rede, die »Verehrter Greis« anfing und ähnlich endete,
und Reden wurden losgelassen und Toaste ausgebracht bis zwölf Uhr. Dann erhob
sich das alte bekränzte Geburtstagskind, beklagte sich über Nachtkühle und
Nachtfeuchte, und - das Fest war vorbei.
Vorbei! Wo sind heute alle die, welche es feierten?
    Tot ist der alte Meister Frei, zerstreut in alle Welt
