 Kants »Kritik der reinen Vernunft« vor der
Nase, die Augen nur bei ihr hatte. Sehr kurzsichtig und zu arm, mir für diese
Fensterstudien eine Brille, ein Fernglas oder einen Operngucker zuzulegen, war
ich in Verzweiflung. Ich begriff, was es heißt: Alles liegt ins Unendliche
auseinander.
    Da stand ich eines schönen Nachmittags, wie gewöhnlich, am Fenster, die Nase
gegen die Scheibe drückend, und drüben unter Blumen, in einem lustigen, hellen
Sonnenstrahl, saß meine in Wahrheit ombra adorata. Was hätte ich darum gegeben,
zu wissen, ob sie herüberlächele!
    Auf einmal fiel mein Blick auf eines jener kleinen Bläschen, die sich oft in
den Glasscheiben finden. Zufällig schaute ich hindurch nach meiner kleinen
Putzmacherin, und - ich begriff, dass das Universum sich in einem Punkt
konzentrieren könne.
    So ist es auch mit diesem Traum- und Bilderbuch der Sperlingsgasse. Die
Bühne ist klein, der darauf Erscheinenden sind wenig, und doch können sie eine
Welt von Interesse in sich begreifen für den Schreiber und eine Welt von
Langeweile für den Fremden, den Unberufenen, dem einmal diese Blätter in die
Hände fallen sollten.
                                                                 Am 30. November
Der Regen schlägt leise an meine Scheiben. Was und wer der sonderbare lange
Gesell ist, der vorgestern da drüben in Nr. elf eingezogen ist, in jene Wohnung,
wo auch ich einmal hauste, wo einst auch der Doktor Wimmer sein Wesen trieb, hab
ich noch nicht herausgebracht. - Es ist recht eine Zeit, zu träumen. Ich sitze,
den Kopf auf die Hand gestützt, am Fenster und lasse mich allmählich immer mehr
einlullen von der monotonen Musik des Regens da draußen, bis ich endlich der
Gegenwart vollständig entrückt bin. Ein Bild nach dem andern zieht wie in einer
Laterna magica an mir vorbei, verschwindend, wenn ich mich bestrebe, es
festzuhalten. Oh, es ist wahrlich nicht das, was mich am meisten fesselt und
hinreisst, was ich auf das Papier festbannen kann; - ein ganz anderer Maler müsste
ich sein, um das zu vermögen.
    Das verschlingt sich, um sich zu lösen; das verdichtet sich, um zu verwehen;
das leuchtet auf, um zu verfliegen, und jeder nächste Augenblick bringt etwas
anderes. Oft ertappe ich mich auf Gedanken, welche aufgeschrieben kindisch,
albern, trivial erscheinen würden, die aber mir, dem alten Mann, in ihrem
flüchtigen Vorübergleiten so süß, so heimlich, so beseligend sind, dass ich um
keinen Preis mich ihnen entreißen könnte.
    Nur das Konkreteste vermag ich dann und wann festzuhalten, und diesmal sind
es Bilder aus meinem eigenen Leben, die ich hier dem Papier anvertraue.
    Was ist das für eine kleine Stadt zwischen den grünen buchenbewachsenen
Bergen
