Nein, man muss ihnen weh tun, wenn man kann, und am wehesten tut man
ihnen, wenn man sich aufrecht erhält und was vor sich bringt. Aber du stellst
dich immer hin und sagst zur Welt: tu' mir gut, tu' mir bös, küss' mich,
schlag' mich, wie du willst. - Das ist leicht. Du lässest dir Alles geschehen
und dann hast du Erbarmen mit dir selbst. Wär' mir auch recht, wenn mich ein
Anderes da und dort hinstellte, wenn ich's nicht selbst zu tun hätte; aber du
musst jetzt selbst Einsteher für dich sein, hast dich genug in der Welt
herumstossen lassen, jetzt zeig' einmal den Meister.«
    Vorwürfe und Lehren werden einem Unglücklichen gegenüber oft zu ungerechten
Härten und auch Dami nahm die Worte der Schwester als solche. Es war
fürchterlich, dass sie es nicht einsah, wie er der unglücklichste Mensch auf der
Welt sei. Sie mochte ihm noch so streng vorhalten, dass er das nicht glauben möge
und wenn er es nicht glaube, so sei es auch nicht der Fall. Aber das
Schwierigste von Allem ist: einem Menschen den Glauben an sich beizubringen; die
Meisten gewinnen ihn erst, nachdem ihnen Etwas gelungen ist.
    Dami wollte der herzlosen Schwester kein Wort weiter erzählen und erst
später gelang es ihr, dass er ausführlich von seinen Fahrten und Schicksalen
berichtete und wie er zuletzt als Heizer auf einem Dampfschiff nach der alten
Welt zurückgekehrt sei. Indem sie ihm jetzt seine selbstquälerische
Weichmütigkeit vorhielt, ward sie inne, dass auch sie nicht frei davon war.
    Durch den fast ausschliesslichen Verkehr mit der schwarzen Marann' hatte sie
sich gewöhnt, immer so viel von sich zu reden und an sich zu denken, und sie war
in ein schweres Wesen geraten. Jetzt, indem sie den Bruder aufrichtete, tat
sie es auch unwillkürlich mit sich selbst; denn das ist die geheimnisvolle Macht
des Menschenzusammenhanges, dass wir immer, indem wir Anderen helfen, uns selbst
mit helfen.
    »Wir haben vier gesunde Hände,« schloss sie, »und da wollen wir sehen, ob wir
uns nicht durch die Welt durchschlagen, und durchschlagen ist tausendmal besser
als sich durchbetteln. Jetzt komm', Dami; jetzt komm' mit heim.«
    Dami wollte sich im Orte gar nicht zeigen, er fürchtete sich vor dem
Gespötte, das von allen Seiten auf ihn losbreche, er wollte vor der Hand noch
versteckt bleiben; aber Barfüßele sagte ihm: »Jetzt gehst mit, am hellen
Sonntag, und mitten durch das Dorf, und lässst dich ausspotten. Lass sie nur reden
und deuten und lachen, dann bist du fertig und bist's los, hast den bitteren
