 ganz hast du ihn doch noch nicht bekehrt. Mein Mann redet
immer drauf herum, dass es doch gar so arg sei, dass du so gar Nichts habest; er
kann's noch nicht verwinden, er meint immer, du müsstest im Geheimen ein schönes
Vermögen besitzen und du habest uns nur angeführt, um uns auf die Probe zu
stellen, ob wir dich allein ohne Alles gern annehmen; er lässt sich das nicht
ausreden und da bin ich auf einen Gedanken gefallen. Gott wird uns dies nicht
zur Sünde anrechnen. Schau, das hab' ich mir erspart in den sechs und dreißig
Jahren, die wir mit einander hausen, ohne Unterschleif und es ist auch noch
Erbstück von meiner Mutter dabei. Und jetzt nimm du's und sag' nur, es sei dein
Eigentum. Das wird den Bauer ganz glücklich machen, besonders weil er so
gescheit gewesen ist und das im Voraus geahnt hat. Was guckst du so verwirrt
drein? Glaub' mir, wenn ich dir was sage, kannst du es tun, es ist kein
Unrecht, ich hab' mir's überlegt hin und her; jetzt versteck's und red' mir kein
Wort dagegen, gar kein Wort, sag mir keinen Dank und gar nichts, es ist ja eins,
ob's mein Kind jetzt kriegt oder später, und es macht meinem Mann noch bei
Lebzeiten eine Freud'. Jetzt fertig, bind's wieder zu.«
    Am andern Morgen in der Frühe erzählte Amrei dem Johannes Alles was die
Eltern ihr gesagt und gegeben hatten, und Johannes jubelte: »O Gott im Himmel
verzeih' mir! Von meiner Mutter hätt' ich so was glauben können, aber von meinem
Vater hätte ich mir das nie träumen lassen. Du bist ja eine wahre Hexe, und
schau, es bleibt dabei, dass wir Keinem vom Andern etwas sagen, und das ist noch
das Prächtige, dass Eins das Andere anführen will, und Jedes ist wirklich
angeführt, denn Jedes muss meinen: Du habest das andere Geld noch wirklich im
Geheimen für dich gehabt. Juchhe! Das ist lustig zum Kehraus. -«
    Mitten in aller Freude im Hause herrschte aber doch auch wieder allerlei
Besorgnis.
 
                            20. Im Familiengeleise.
Nicht die Sittlichkeit regiert die Welt, sondern eine verhärtete Form derselben:
die Sitte. Wie die Welt nun einmal geworden ist, verzeiht sie eher eine
Verletzung der Sittlichkeit als eine Verletzung der Sitte. Wohl den Zeiten und
den Völkern, in denen Sitte und Sittlichkeit noch Eins ist. Aller Kampf, der
sich im Großen wie im Kleinen, im Allgemeinen wie im Einzelnen abspielt, dreht
sich darum, den Widerspruch dieser Beiden wieder aufzuheben und die erstarrte
Form
