 Feuer, »so es Euch vonnöten wäre,
Weisheit zu lernen.«
    Frau Hadwig drohte mit dem Finger: »Habt Ihr selber denn Erquickung aus den
alten Pergamenten geschöpft?«
    »Erquickung und Glück!« sprach Ekkehard, und seine Augen leuchteten.
»Glaubet mir, Herrin, es tut in allen Lebenslagen wohl, sich bei den Klassikern
Rats zu erholen; lehrt uns nicht Cicero auf den verschlungenen Pfaden weltlicher
Klugheit den rechten Steg wandeln? Schöpfen wir nicht aus Sallust und Livius
Anweisung zu Mannesmut und Stärke, aus Virgils Gesängen die Ahnung
unvergänglicher Schönheit? Die Schrift ist uns Leitstern des Glaubens, die Alten
aber leuchten zu uns herüber wie das Spätrot einer Sonne, die auch nach ihrem
Niedergang noch mit erquickendem Widerschein in des Menschen Gemüt strahlt ...«
    Ekkehard sprach mit Bewegung. Die Herzogin hatte seit dem Tag, als der alte
Herzog Burkhard um ihre Hand anhielt, keinen Menschen mehr gesehen, der für
etwas begeistert war. Sie trug einen hohen Geist in sich, der sich leicht auch
Fremdartigem zuwandte. Griechisch hatte sie in jungen Tagen der byzantinischen
Werbung wegen schnell gelernt. Latein flößte ihr eine Art Ehrfurcht ein, weil es
ihr fremd war. Unbekanntes imponiert, Erkenntnis führt auf den wahren Wert, der
meist geringer ist als der geahnte. Mit dem Namen Virgilius war auch der Begriff
des Zauberhaften verbunden ...
    In jener Stunde stieg in Hadwigs Herz der Entschluss auf, Lateinisch zu
lernen. Zeit dazu hatte sie. Wie sie ihren Nachbarn Ekkehard noch einmal
angeschaut hatte, wusste sie auch, wer ihr Lehrer sein sollte ...
    Der stattliche Nachtisch, auf dem Pfirsiche, Melonen und trockene Feigen
geprangt hatten, war verzehrt. Lebhaftes Gespräch an den andern Tischen deutete
auf nicht unfleissiges Kreisen des Weinkrugs.
    Auch nach der Mahlzeit - so wollte es des Ordens Regel - war zur Erbauung
der Gemüter ein Abschnitt aus der Schrift oder dem Leben heiliger Väter zu
verlesen.
    Ekkehard hatte am Tag zuvor das Leben des heiligen Benediktus begonnen, das
einst Papst Gregorius abgefasst. Die Brüder rückten die Tische zusammen, der
Weinkrug stand unbewegt und es ward still in der Runde. Ekkehard fuhr mit dem
zweiten Kapitel76 fort:
    »Eines Tages aber, dieweil er allein war, nahte ihm der Versucher. Denn ein
schwarzer kleiner Vogel, der gemeiniglich Krähe geheißen ist, begann um sein
Haupt zu flattern und setzte ihm so unablässig zu, dass ihn der heilige Mann mit
der Hand hätte ergreifen mögen, so er ihn fangen gewollt.
    Er aber schlug das Zeichen des Kreuzes, da wich der Vogel.
    Wie aber derselbe Vogel verschwunden war, folgte eine so große Versuchung
des Fleisches, wie sie der heilige Mann noch niemalen erprobt. Denn vor langer
Zeit hatte
