
aus dem Gebiet unserer deutschen Vergangenheit.
    Unter dem unzähligen Wertvollen, was die großen Folianten der von Pertz
herausgegebenen »Monumenta Germaniae« bergen, glänzen gleich einer Perlenschnur
die sanktgallischen Klostergeschichten, die der Mönch Ratpert begonnen und
Ekkehard der Jüngere (oder, zur Unterscheidung von drei gleichnamigen
Mitgliedern des Klosters, der Vierte benannt) bis ans Ende des zehnten
Jahrhunderts fortgeführt hat. Wer sich durch die unerquicklichen und vielfältig
dürren Jahrbücher anderer Klöster mühsam durchgearbeitet hat, mag mit Behagen
und innerem Wohlgefallen an jenen Aufzeichnungen verweilen. Da ist trotz
mannigfacher Befangenheit und Unbehilflichkeit eine Fülle anmutiger, aus der
Überlieferung älterer Zeitgenossen und den Berichten von Augenzeugen geschöpfter
Erzählungen, Personen und Zustände mit groben, aber deutlichen Strichen
gezeichnet, viel unbewusste Poesie, treuherzige brave Welt- und Lebensansicht,
naive Frische, die dem Niedergeschriebenen überall das Gepräge der Echteit
verleiht, selbst dann, wenn Personen und Zeiträume etwas leichtsinnig
durcheinandergewürfelt worden und ein handgreiflicher Anachronismus dem Erzähler
gar keinen Schmerz verursacht.
    Ohne es aber zu beabsichtigen, führen jene Schilderungen zugleich über die
Schranken der Klostermauern hinaus und entrollen das Leben und Treiben, Bildung
und Sitte des damaligen alemannischen Landes mit der Treue eines nach der Natur
gemalten Bildes.
    Es war damals eine vergnügliche und einen jeden, der ringende, unvollendete,
aber gesunde Kraft geleckter Fertigkeit vorzieht, anmutende Zeit im
südwestlichen Deutschland. Anfänge von Kirche und Staat bei namhafter, aber
gemütreicher Roheit der bürgerlichen Gesellschaft, - der aller späteren
Entwickelung so gefährliche Geist des Feudalwesens noch harmlos im ersten
Entfalten, kein geschraubtes, übermütiges und geistig schwächliches Rittertum,
keine üppige unwissende Geistlichkeit, wohl aber ehrliche grobe Gesellen, deren
sozialer Verkehr zwar oftmals in einem sehr ausgedehnten System von Verbal- und
Realinjurien bestand, die aber in rauer Hülle einen tüchtigen, für alles Edle
empfänglichen Kern bargen, - Gelehrte, die morgens den Aristoteles verdeutschen
und abends zur Erholung auf die Wolfsjagd ziehen, vornehme Frauen, die für das
Studium der Klassiker begeistert sind, Bauern, in deren Erinnerung das Heidentum
ihrer Vorväter ungetilgt neben dem neuen Glauben fortlebt, - überall naive,
starke Zustände, denen man ohne rationalistischen Ingrimm selbst ihren Glauben
an Teufel und Dämonenspuk zugute halten darf. dabei zwar politische Zerklüftung
und Gleichgiltigkeit gegen das Reich, dessen Schwerpunkt sich nach Sachsen
übertragen hatte, aber tapferer Mannesmut im Unglück, der selbst die Mönche in
den Klosterzellen stählt, das Psalterbuch mit dem Schwert zu vertauschen und
gegen die ungarische Verwüstung zu Feld zu rücken, - trotz reichlicher
Gelegenheit zur Verwilderung eine dem Studium der Alten mit Begeisterung
zugewandte Wissenschaft, die in den zahlreich besuchten Klosterschulen eifrige
Jünger fand und in ihren humanen Strebungen an die besten Zeiten des sechzehnten
Jahrhunderts erinnert, leises Emporblühen der bildenden Künste, vereinzeltes
Aufblitzen bedeutender Geister, vom Wust der Gelehrsamkeit unerstickte Freude an
