 Geschichtforschung plagte, sprach
gelehrt über Grabdenkmale der Alten, - derweil war ein dritter schweigsam auf
dem Backsteingemäuer gesessen, der zog sein Skizzenbuch und zeichnete ein
stolzes Viergespann mit schnaubenden Rossen und Wettkämpfern und viele schöne
jonische Ornamentik darum; er hatte in der einen Ecke des Fussbodens einen
unscheinbaren Rest des alten Bildes erschaut: Pferdefüsse und eines Wagenrades
Fragmente, da stand das Ganze klar vor seiner Seele, und er warf's mit kecken
Strichen hin, derweil die andern in Worten kramten ...
    Bei jener Gelegenheit war einiger Aufschluss zu gewinnen über die Frage, wie
mit Erfolg an der geschichtlichen Wiederbelebung der Vergangenheit zu arbeiten
sei.
    Gewisslich nur dann, wenn einer schöpferisch wiederherstellenden Phantasie
ihre Rechte nicht verkümmert werden, wenn der, der die alten Gebeine ausgräbt,
sie zugleich auch mit dem Atemzug einer lebendigen Seele anhaucht, auf dass sie
sich erheben und kräftigen Schrittes als auferweckte Tote einherwandeln.
    In diesem Sinn nun kann der historische Roman das sein, was in blühender
Jugendzeit der Völker die epische Dichtung, ein Stück nationaler Geschichte in
der Auffassung des Künstlers, der im gegebenen Raume eine Reihe Gestalten scharf
gezeichnet und farbenhell vorüberführt, also dass im Leben und Ringen und Leiden
der einzelnen zugleich der Inhalt des Zeitraumes sich wie zum Spiegelbild
zusammenfasst.
    Auf der Grundlage historischer Studien das Schöne und Darstellbare einer
Epoche umspannend, darf der Roman auch wohl verlangen, als ebenbürtiger Bruder
der Geschichte anerkannt zu werden, und wer ihn achselzuckend als das Werk
willkürlicher und fälschender Laune zurückweisen wollte, der mag sich dabei
getrösten, dass die Geschichte, wie sie bei uns geschrieben zu werden pflegt,
eben auch nur eine herkömmliche Zusammenschmiedung von Wahrem und Falschem ist,
der nur zu viel Schwerfälligkeit anklebt, als dass sie es, wie die Dichtung,
wagen darf, ihre Lücken spielend auszufüllen.
    Wenn nicht alle Zeichen trügen, so ist unsere Zeit in einem eigentümlichen
Läuterungsprozess begriffen.
    In allen Gebieten schlägt die Erkenntnis durch, wie unsäglich unser Denken
und Empfinden unter der Herrschaft der Abstraktion und der Phrase geschädigt
worden; da und dort Rüstung zur Umkehr aus dem Abgezogenen, Blassen,
Begrifflichen zum Konkreten, Farbigen, Sinnlichen, statt müßiger
Selbstbeschauung des Geistes Beziehung auf Leben und Gegenwart, statt Formeln
und Schablonen naturgeschichtliche Analyse, statt der Kritik schöpferische
Produktion, und unsere Enkel erleben vielleicht noch die Stunde, wo man von
manchem Koloss seiteriger Wissenschaft mit der gleichen lächelnden Ehrfurcht
spricht, wie von den Resten eines vorsündflutlichen Riesengetiers, und wo man
ohne Gefahr, als Barbar verschrien zu werden, behaupten darf, in einem Steinkrug
alten Weines ruhe nicht weniger Vernunft als in mancher umfangreichen Leistung
formaler Weisheit.
    Zur Herstellung fröhlicher, unbefangener, von Poesie verklärter Anschauung
der Dinge möchte nun auch die vorliegende Arbeit einen Beitrag geben, und zwar
