 zu erkennen, dass die Menschen um ihn her wie
Schatten waren, dass keiner ihm etwas sein konnte, dass niemand in seiner ganzen
Umgebung seinem wie in der Wildnis und Irre schweifenden Gemüt, seinem
hungernden Geist eine Heimat und Erquickung zu geben vermögend war. Was er aber
hell bewusst in sich trug, war eine masslose rebellische Bitterkeit darüber, dass
er, statt ins Ehebett, in die Kinderlehre wandern sollte. Einen grausameren Hohn
über seine verunglückte Bewerbung meinte er sich nicht erdenken zu können. Dazu
fühlte er sich nicht bloß alt genug und den Kinderschuhen entwachsen, um vom
Leben noch eine andere Schule zu verlangen, als die Eintrichterung von
Bibelsprüchen und Gesangbuchversen, sondern er hatte auch diese Sprüche und
Verse samt der ganzen Schulbildung, worin er selbst Höhergestellten wenig oder
nicht nachstand, so vollkommen inne, dass die Wiederholung des Unterrichts ihn
nicht einmal in diesem Fache mehr fördern konnte. Für die Bildung seines
»inneren Menschen« aber, woran die Religionsschule, die diesen Ausdruck gern
gebrauchte, sich hätte erproben lassen können, war das bürgerliche und
gesellschaftliche Leben, in dessen Schösse er sich tummelte, so inhaltsleer und
so sehr in die blinde Unterwerfung unter eine gewissenlos schwelgende
»Herrschaft« hineingepredigt, dass es zu den Glücksfällen gerechnet werden musste,
wenn eine über das gewöhnliche Maß ausgestattete Natur in diesem Wesen eine
wohnliche Hütte fand oder, was noch besser, auf gelindem Wege hinausgedrängt
wurde. Eine Hütte aber, wohnlich nicht bloß für den Leib, sondern auch für die
Seele, war kaum anderswo zu finden als bei den Pietisten, welche auf einem noch
ungebrochenen Glauben fussten, dessen kindliche Kraft noch nicht durch die
Ausbreitung der Bildung und Wissenschaft verlorengegangen war, auf einem
Glauben, der ihnen in körperlicher Wirklichkeit vormalte, wie sie dereinst nach
der Erlösung aus diesem Tal des Jammers und der Sünde in den Wohnungen der
Seligen über dem blauen Himmelsgewölbe mit Kronen auf den Häuptern und in weißen
Gewanden einherwandeln würden, der aber in seinen Beziehungen zum irdischen
Leben die dürre streit- und herrschsüchtige Kirchenlehre, mit welcher er nur
über das Jenseits einverstanden war, weit hinter sich ließ und eine Liebe und
Gleichheit der Kinder Gottes predigte, woran trotz der Demut dieser Predigt die
Inhaber von Thron und Altar großes Ärgernis nahmen. Allein, es war nicht jedem
gegeben, ein Pietist zu werden, und nicht jeder, dem es gegeben gewesen wäre,
hatte das freilich sauer erworbene Glück, sein Lebenlang unter den Flügeln eines
Mannes, wie der Waisenpfarrer im Ludwigsburger Zuchtause, geborgen zu sein.
    In dieser Verlassenheit und Vernachlässigung mussten alle Richtungen einer so
kräftig angelegten Seele in einen unbezähmbaren Willensdrang verschmelzen, der
in seiner dumpfen Ungeduld überall auf ebenso dumpfe Hindernisse wie auf Mauern
ohne Fenster stieß und ziellos, zwischen Antrieben bald
