
erschüttert gefühlt, dass er gänzlich unfähig gewesen sei, dieselben mitzumachen;
und man kann überhaupt sagen, dass auch die Feigheit nicht hinlänglich
abschreckend wirkt, denn die Gerichtsverhandlungen zeigen feige Verbrecher
genug. So hat also weder sein Verstand noch die Abschreckung selbst, die bei ihm
nicht verloren war, ihn von dem finsteren Pfade abgeschreckt, hat weder seine
zwar rohe, aber zur Erkenntnis von Gut und Böse, von Wohl und Übel, völlig
genügende Bildung, noch die vorsorgende Liebe der Gesellschaft ihn vor diesem
fürchterlichen Ende bewahrt. Es gibt keine andere Milderung für seine Todesart,
keine andere Beschwichtigung für das empörte Gemüt, als sich zu sagen, dass das
Jahrhundert seitdem seine Speichen beinahe völlig umgewälzt hat, dass jene
Mittagsstunde, um die er vollendet zu haben hoffte, längst vorüber ist, dass jene
arme kranke Zeit ein besseres Jahrhundert, reicher an Geist und Herz und
Erkenntnissen, geboren hat. Ja, so vieles wir an unserer Zeit mit Recht
verwerfen, wir können ihr das Zeugnis nicht versagen, dass ein Mensch wie dieser
besser von ihr durch das Leben getragen worden wäre, dass er keinen Pfarrer,
Amtmann und Vogt getroffen hätte, die seine blühende Jugend fast gewaltsam unter
die Räuber stießen, dass, wenn ihm auch der Lieblingswunsch seines jungen Herzens
versagt geblieben wäre, das Leben ihm Befriedigung für sein Gemüt, für seinen
Geist, für seine Fähigkeiten nicht so ganz versagt haben würde, wie die dürre
Wüste, mit der ihn seine Zeit umgab. Wohl ist noch eine schwere Arbeit zu
vollbringen, bis unsere Zeit aus dem dunklen Mutterschosse jenes Jahrhunderts,
worin sie mit ihren Tugenden und Fehlern, mit ihren Wahrheiten und Irrtümern
wurzelt, losgerungen ist, und darum kämpfen wir. Aber die Sonne, wie sie von
Osten nach Westen wandelt, sieht das Volk in der Mitte zwischen Ost und West
täglich mehr im stillen Ringen nach Licht und Recht begriffen, und sie wird die
Mühe seiner Geister nicht verloren finden, wenn sie oft auch tief wie
Grubenmänner in die Schachte unsrer Geschichte, unsrer Sprache, unsrer Dichtung
sich zu verlieren scheinen, von wo dieses Licht und Recht am reinsten zu holen
und nach dem Masse des heutigen Tages zu verteilen ist. Denn jetzt gilt es sich
selbst zu verstehen in der allgemeinen Bewegung, die schon mit wachsendem Getöse
an die Pforten noch immer so vieler Schläfer pocht. Die Bewegung, die aus einem
Teil des Westens kam, hat uns verwirren müssen, denn sie bot uns Eigenes mit
Fremdem gemischt. Die Bewegung, die sich aus einem Teil des Ostens ankündigt,
wird uns aufklären helfen, denn man lernt sich besser selbst erkennen in einem
Spiegel, der uns gar keine Ähnlichkeit zeigt, sondern ein wildfremdes Gesicht.
Dann wird der Kampf auch nicht
