, besonders wenn er sie mit Heftigkeit ergriffen hat,
wäre für ihn selbst nicht echt, wenn er sie seinen Brüdern vorentielte; denn
weit leichter als seine Herzens- oder Vorratskammer tut er ihnen die
Schatzkammer seines Wissens oder Glaubens auf. Aber seine Brüder haben dasselbe
erlebt wie er, auch ihnen sind Lichter aufgegangen, auch sie sind zu Gewissheiten
und Überzeugungen gekommen. Dann geraten die Geister aneinander: der Mann des
Wissens stößt den Glauben des Frommen zurück, und der Mann des Glaubens
erschrickt vor der Überzeugung des Denkers; ja, unter den Gläubigen selbst, und
bis in ihre engsten Kreise hinein, ist Unterschied und Zwiespalt, weil keiner
die gemeinsame Wahrheit, zu der sie sich bekennen, ganz im Lichte des anderen
schauen kann. Dieser Kampf der Geister verwundet das Herz, das die ganze Welt in
Frieden wissen möchte, aber das Herz kann den Menschen nicht allein leiten, denn
es würde ihn jeder herben Schule, die ihm nötig ist, entziehen. Der Kampf der
Geister ist gut, auch wenn er schmerzt: denn der Geist der Menschheit, nicht
ihrer bevorzugten Kinder nur, ist zur Erkenntnis berufen, und die Arbeit der
Geister wird der Welt eine Erkenntnis bringen, so hoch und tief, dass der
stolzeste Geist sie nicht durchfliegen, so reich, dass der mannigfaltigste Geist
nicht an ihr erlahmen, so klar, dass der nüchternste Verstand sie nicht antasten,
so einfach, dass die kindlichste Seele sie erfassen, und so rein, dass das fromme
Herz in ihr seine Wohnstätte finden kann. In der Schule dieser Erkenntnis wird
Friede und Kampf, Ruhe und Bewegung vereinigt sein. Darum meiden wir den Kampf
der Geister nicht, wenn er auch die Lebenden durch Nacht und Wunden zu diesem
Ziele führt! Aber den Sterbenden wird kein guter oder weiser Mensch durch die
Menge seines Zuspruchs betrüben und zerstreuen, weder der Denker den Gläubigen,
noch der Fromme den, der nicht in der Form des Glaubens denkt: denn der
Sterbende muss mit seinem Herzen Zwiesprache halten, dessen Schläge ihn im Laufe
der Stunden beseligt und verwundet haben, bis der letzte die fliehende Zeit für
ihn stille stehen heißt. Tragt ihn sanft aus der Schlacht, fernab vom Staube und
Gewühl der Kämpfenden, dass er am Rande des Hügels durch die Abendröte der
Gegenwart hinausschaue in das Morgenrot der Zukunft, für die wir kämpfen. Für
ihn verstummt der Zank der Meinungen und der Vorwurf der Einseitigkeit: er fällt
ab von dem unvollkommenen Leben seiner Zeit und geht über zu dem großen Heere
der Vollendeten, die im Frieden ruhen.
    Am Tage vor dem letzten hatte der Sterbende sein weltliches Vermächtnis für
die Obrigkeit zu Ende geschrieben. Kein Lohn, nicht einmal mehr der arme Trost
einer Linderung winkte ihm, als
