 Grunde jeden Gerechten zeitig vom Leben zum Tode bringen müsse,
damit er nicht, als ein Mensch, aus dem Stande der Gerechtigkeit falle. Da
jedoch über die Äußerungen oder Gespräche dieser Art sich nichts angemerkt
findet, so kann man auch schließen, er habe das Abscheiden aus einem solchen
Leben und einer solchen Zeit, nicht bloß im geistlichen, sondern selbst im
weltlichen Sinne des Wortes, für einen so großen Gewinn gehalten, dass er über
den weltlichen Preis desselben kein Wort verloren habe.
    »Den Nachmittag«, erzählt sein Geschichtschreiber nach dem Auftritte
zwischen ihm und dem Geistlichen weiter, »verlor sich zwar diese Freudigkeit
ziemlich, weil ihn, wie er selbst sagte, die zu große Menge von geistlichen
Zusprächen betrübt und zerstreut hatte; doch kehrte sie abends wieder zurück.
Endlich erschien der letzte Tag. Morgens früh um fünf Uhr kam Krippendorff zu
ihm und traf ihn im Gebet an. Er sah frisch und munter aus; dennoch hielt er,
weil seine Seele nicht so hochgeschwungen und furchtlos wie gestern war, sich
selbst für verstockt, ein Gefühl, welches jedoch durch Hilfe des Gebets sich
bald wieder verlor.«
    So erfuhr auch dieser Geist, was jeder Geist in seinem Ringen nach Klarheit
erfährt, dass die Seele den gewaltsam ergriffenen Besitz nicht ungestört
festzuhalten vermag, dass ihr die Stunden räuberisch in das Gut einbrechen, das
sie schon sicher geborgen zu haben glaubte. Denn die Seele des Menschen rollt
beweglich mit seiner großen Mutter dahin, die, wie uns die Himmelskundigen in
ihrer Sprache gelehrt haben, in beständiger Revolution begriffen ist. Sie fasst,
im Gebiet des Geistes umherspürend, einen Gedanken, eine Wahrheit, eine
Erkenntnis, die ihr plötzlich in blendendem Licht auftaucht, und will in alle
Welt hineinjubeln, jetzt sei die Wurzel gefunden, die alles Verschlossene
aufsprengen, alles Kranke heilen müsse. Aber die Stunden bringen und nehmen.
Andere Erkenntnisse, andere Wahrheiten oder Irrtümer drängen sich in die Seele
ein und verdunkeln das erste Licht, und was die Seele festzuhalten glaubte, das
wird ihr so blass und farblos, dass sie sich ermattet, bangend, zweifelnd davon
abwendet. Wieder erscheint jene geistige Gestalt vom Lichte der Erleuchtung
begleitet, sie zeigt sich der Seele von einer neuen Seite, und die Hoffnung, der
Glaube an die Sicherheit des Besitzes wächst. Aber Licht und Schatten wechseln,
die Sehnsucht wird zur wilden Glut, die das reine Licht der wahrheitsuchenden
Seele mit Qualm umdüstert, und so, zwischen Licht und Schatten, zwischen Glauben
und Zweifel, zwischen Höhe und Tiefe dahinschwebend, gelangt die Seele unter
immer neuen Erleuchtungen zu der Überzeugung, dass das erste Licht das richtige
gewesen sei, zur Gewissheit, dass die reine Wahrheit darin wohne. Aber die
Überzeugung des Menschen
