« Dass die Weiber, wenn sie einmal die Scheu überwunden haben,
viel entschiedener als die Männer auf das Ziel losgehen, zeigen auch sonst noch
manche Stellen dieser Denkwürdigkeiten, wie er denn von einer andern dieser
Gelegenheitsmacherinnen sagt, sie sei eine solche schlimme Frau, dass er es
selbst nicht genug beschreiben könne, und habe ihm manchen Seufzer ausgepresst,
weil sie einem keine Ruhe gelassen habe, bis man zum Stehlen fortgegangen sei.
Bemerkenswert und ein Zeugnis für die schlechten Nahrungsverhältnisse ist, dass
die Leute den Räubern beständig in den Ohren liegen, sie sollen ihnen doch
Fleisch verschaffen; selbst in das Wirtshaus müssen sie, wenn sie dort nicht
Mangel daran leiden wollen, gestohlene Hammel mitbringen. Die Enthüllungen
umfassen einen beträchtlichen Teil von Süddeutschland, und beinahe in jedem der
genannten Orte ist die Ortsbehörde in das Getriebe des Gaunerwesens
mitverwickelt. »Was den Herrn Schulteissen anbelangt«, heißt es bei solchen
Gelegenheiten, »so werden seine Umstände bald am Tag sein, wann man ihm sein
Zollbuch abfordert, denn er hat mir ein Zollzeichen gegeben, damit ich soll
richtig mit der gestohlenen Ware durchkommen, und in dem Zollbuch wird stehen
der Name Joseph Klein oder Sigmund Hermann.« Andere Gemeindebehörden verhelfen
den Räubern zu Pässen, mit welchen sie die Lande unangefochten durchziehen
können. Da ist gar ein Bürgermeister »ein solch schlimmer Mann: wenn eine
Streife ergangen, hat er die Räuber selbst in sein eigenes Bett hineingelegt,
wie ich und meine Frau selbst einmal darinnen in der Verwahrung gewesen.« Es
ergibt sich aus diesem allem, dass die Zeit für das Schwurgericht noch nicht reif
war, weil auf der Anklagebank die Stehler und auf der Geschwornenbank die Hehler
gesessen wären. Aber nicht bloß das Bürgertum bis zu seinen Vorstehern hinauf,
sondern auch der Adel, der einen so großen Teil von Land und Leuten in
unbedingter Abhängigkeit hielt, hat in einzelnen Mitgliedern, aus Furcht oder
Vorteil, an der Begünstigung dieses Raubwesens teilgenommen. Will man aber
vollends mit ganzem Masse messen, so muss man ferner nicht bloß das Gehenlassen
der Regierungen, sondern auch den Zeitgeist selbst mit zur Anklage ziehen,
dessen sonderbare Vorliebe für Erzählungen von Räuberabenteuern, dessen
krankhaft zärtliche Teilnahme an den Helden derselben beweist, wie verkehrt und
widerspruchsvoll der Geist des Menschen werden kann, wenn er dunkel spürt, dass
seine Zeit in Haushalt und Menschenrecht nicht wohl bestellt ist. Diese Bildung
schwelgte aasvogelartig in Lebensbeschreibungen berüchtigter Räuber und bald
auch, da der Bedarf nicht zureichte, in erdichteten Räubergeschichten, deren
wirkliches Erleben sie jeden Augenblick in Haus und Hof ernstlich zu befürchten
hatte, und all dieser Angst zum Trotze stellte sie sich dennoch, sooft sie in
ihren Romanen von einem Kampfe der Räuber mit den Dienern des Gesetzes las, auf
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