 für ihren Seelenzustand so bekümmert, dass er ihnen, wo er nur
konnte, auf das nachdrücklichste zusprach, dass er stets sich nach ihren
Gesinnungen erkundigte und sowohl dem Oberamtmann als den Geistlichen die
Methode anzugeben suchte, wie man ihren Herzen am besten beikommen könnte. Eine
solche Gemütsverfassung gab ihm Mut in Augenblicken und unter Umständen, in
denen sich sonst Verzweiflung auch der Stärksten bemächtigt; ja er erhob sich
durch dieselbe bis zu einem solchen Grad der Freudigkeit, die ihm selbst
bewunderungswürdig vorkam und die bisweilen so weit ging, dass er selbst
befürchtete, ob sie nicht bloßer Leichtsinn sein möchte.«
    Unter allen diesen Stimmungen aber ging die Arbeit ununterbrochen fort,
nicht bloß jene Arbeit der Busse, sondern die geistige Arbeit einer treuen
Zeichnung der Welt, in der er gelebt hatte. Diese Zeichnung ist in den
Untersuchungsakten niedergelegt. Wohl selten ist ein so dickes Protokoll in der
Zeit von so wenigen Monaten vollendet worden. So hohe Anerkennung man dem Fleiße
und der Berufstreue des Beamten schuldet, der der Verwaltung und Rechtspflege
seines Bezirks zugleich vorzustehen hatte, mit der Person seines Gefangenen eine
in halb Süddeutschland verzweigte Untersuchung in die Hände bekam, und neben den
fortdauernden Verhören einen durch diese veranlass ten sehr ausgebreiteten
Verkehr mit einheimischen und auswärtigen Behörden führen musste - so enthüllt
sich doch zugleich aus diesen Akten das Bild eines Angeklagten, der ungezwungen
und in rasch fliessendem Vortrage, gleichsam als die leitende Seele der
Untersuchung, seine Angaben diktiert, so dass der Richter sich zusammennehmen
muss, um mit dem Geiste und mit der Feder zu folgen.
    Für den prüfenden Leser zerfällt das Protokoll somit in zwei Bestandteile
von nicht ganz gleichem Gehalte: der eine gehört - sagen wir nicht dem
Oberamtmann, sondern dem Lebenskreise, dem er angehörte, und der Urlieber des
anderen ist der begabte Verbrecher selbst. Besonders verdient die lebendige
Kraft hervorgehoben zu werden, mit welcher er die Masse von Personen, um die
sich seine Aussagen drehen, zu schildern wusste: mit wenigen Worten, die wie
breite Pinselstriche wirkten, entwirft er ein Bild nach Gestalt und Tracht, dass
die geschilderte Person in anschaulicher Leibhaftigkeit aus dem Protokoll vor
das Auge springt und ebensogut dem Richter zu einem Steckbrief, als dem Dichter,
soweit dieser Lust hat unter die Räuber zu gehen, zu einem Gemälde in
Lebensgröße dient. Und damit man nicht glaube, dass einem ungebildeten Menschen
aus dem Volke hiermit des Guten gar zu viel geschehe, so möge an dieser Stelle
in andern Worten und anderer Auffassung die Bürgschaft des jüngsten Bearbeiters
der Geschichte des »Sonnenwirts« eintreten, der ihn nur aus dem Vaihinger
Inquisitionsprotokoll, also von seiner schwärzesten Seite kennt, und gleichwohl
den Eindruck, den ihm die Persönlichkeit des Inquisiten in den Akten machte, so
wiedergibt: »Die
