 aus Reue hierüber
und aus Zorn über sich selbst das Gesangbuch auf den Boden warf, was ihm dann
einen neuen ebenso großen Kummer verursachte.« Da im Menschenleben zwischen dem
Kleinsten und Grössten Gleichungspunkte sind, so drängt sich bei diesem Zuge von
selbst die Erinnerung an die Kämpfe des großen Reformators auf, in dessen
Geistesbande dieser schwierige Zögling sich gegeben hatte und dessen riesige
Gestalt die Nachwelt oft mit lächelndem Munde bewundert. Gleichwie seine
Kirchenänderung die leichtfertige Welt seiner Tage mit Umsturz und Zerstörung
bedrohte, so geht auch der Lehrbegriff, den er von einem verwandten Geiste
erbte, dem natürlichen Menschen revolutionär und terroristisch zu Leib. Die
Lehre eines alten Kirchenvaters, der nach einem weltlich durchstürmten Leben
durchgreifende Busse und Selbstentäusserung predigte, muss den Menschen erst an
allen Gliedern brechen, um ihn neu aufbauen zu können. Hieraus ergibt sich von
selbst, dass sie bei der Jugend und bei allen jenen weichen, freundlichen
Gemütern, die in Übereinstimmung mit sich durch das Leben gehen, seine
Widersprüche nicht empfinden oder beiseite zu schieben wissen, nur oberflächlich
wirken kann. Wer aber durch Schuld und Not hindurchgegangen ist, wer sich in den
Netzen des Lebens verstrickt und sich selbst darin verloren hat, bei wem jener
Entäusserung die grenzenlose Selbstverachtung vorgearbeitet hat, die sich nicht
mehr mit dem Splitter im Auge des Nebenmenschen zu entschuldigen vermag, und wer
auf allen seinen Irrwegen zugleich, wenn auch nicht ein geistesstolzes Denken,
doch ein geistiges Leben sich bewahrt hat, der ist reif, um jene Lehre mit ihrer
ganzen übermenschlichen Gewalt in sich aufzunehmen. Auf diesem Wege sind
vornehme und gemeine Sünder, deren Lebensgeschichten unentbehrliche Blätter in
den Jahrbüchern des menschlichen Geistes bilden, zu einer Umwälzung gekommen,
welche die Welt, die nach menschlichem Masse leben will, ja oft selbst die
Kirchenwelt, mit Staunen, wie ein verzehrendes Feuer aufflammen sah. Sie haben
Heil gestiftet, wo sie auf verwandten Boden säeten; viele haben ihnen mit
zerstörtem Lebensglück geflucht: denn ihr Werk war, sich selbst und alles, was
sie vorher liebten, zu zerschmettern.
    An den Genossen eines verbundenen Lebens, wie es auch zugebracht worden sein
mag, zum Verräter zu werden, ist ein Malzeichen, vor welchem selbst der
Leichtfertigste ein wenig stutzt. Die Rechtfertigung dieser Tat wäre in dem
Falle, der uns vorliegt, selbst für die natürliche Betrachtung gar nicht schwer;
denn einer Bande, die arglosen Menschen nachts in die Häuser bricht, die
Bewohner aus den Betten reißt, mit glühenden Nadeln peinigt oder den Schlaf
mordet, ist niemand die Treue schuldig, die sie der Menschheit und sich selbst
nicht hält. Aber es handelt sich ja hier nicht darum, eine Art Vorbild in so
günstiger Beleuchtung aufzustellen, dass der geschmeichelte Leser darin seine
eigene Menschenvortrefflichkeit erkennt.
