 dem nicht von Kindesbeinen an, sondern erst in
späteren Jahren ausgestossenen Sohne des herrschenden Volkes ein Gegensatz, der
immer eine Kluft zwischen ihnen offen erhalten musste. Zehnmal mochte er ihr in
den Stunden der Leidenschaft beistimmen, dass die Gesellschaft, die er verlassen,
aus lauter Spitzbuben, Heuchlern oder Tröpfen bestehe: immer wieder sagte ihm
seine unbestechliche Erinnerung, dass er auch ehrliche, gradsinnige und
verständige Leute darin gefunden habe und dass das nächste Opfer ihrer Raubzüge
zu diesen gehören könne. Und diese lichten Erinnerungen und Eindrücke verbanden
sich bei ihm mit einer Religion, die ihn in dem friedlich-frommen Kreise seiner
Mutter mit dem unvertilgbaren Bewusstsein erfüllt hatte, dass, wenn auch in der
Bibel und von ihren besten Helden gestohlen, geraubt und gemordet werde, dass,
wenn auch eine christliche Obrigkeit sich für die Führung ihres Racheschwertes
auf die Bibel berufe, doch der wahrhaft gute Mensch einen Abscheu davor haben
müsse, das Eigentum seines Nächsten anzutasten oder, unter welchem Vorwande es
auch sei, sein Blut zu vergießen.
    Aber die innere Erkenntnis des Menschen hat ohne eine Unterstützung von
außen nicht so leicht die Gewalt, sein äußeres Leben augenblicklich
umzugestalten, schon deshalb nicht, weil seinen schönsten und edelsten
Empfindungen immer wieder die menschliche Schwachheit sich anhängt und weil er
die besten Vorsätze sehr oft in Stunden äußerer Not und Bedrängnis fasst, so dass,
wenn diese vorüber sind, das frohe Gefühl des Glückswechsels ihm auch den guten
Vorsatz nur als ein Erzeugnis der schwachen Stunde erscheinen lässt. Hiefür
liefert gerade die Geschichte der Offenburger Verhaftung, wie sie Schwan ohne
den religiösen Zwischenvorgang zu den Akten gegeben hat, einen so deutlichen
Beleg, dass dieselbe, die auch sonst merkwürdige Züge darbietet, hier nicht
übergangen werden darf. Nach verschiedenen Abenteuern mit eigennützigen
Polizeimännern und nachlässigen Obrigkeiten, welche sich den Schutz der ihnen
anvertrauten bürgerlichen Gesellschaft so schlecht angelegen sein ließ, dass
diejenigen, die dem Markgrafen von Baden ihre etwaigen Gefangenen um Geld
verkauften, noch weitaus zu den besseren gehörten, hatte das Paar den Unstern,
auf dem Jahrmarkte zu Offenburg in seinen Geschäften durch die Wachsamkeit
dortiger Bürger gestört zu werden, wie denn überhaupt in allen ähnlichen
Geschichten jener Zeit die Gaunerherrlichkeit immer erst da ein Ende hat, wo
mutige und aufopfernde Bürger, oft schmählich im Stich gelassen, der Obrigkeit
zu Hilfe kommen. Dem Räuber gelang es in eine Kapelle zu entspringen, seine
beiden Terzrohre, wie der Sprachgebrauch der Zeit sie nannte, unter dem
Hochaltar zu verbergen und seine Barschaft von drei Karolins dem Chorrektor, der
mit mehreren Geistlichen sogleich herbeieilte, in die Hand zu drücken. Der
Chorrektor versprach, ihn nicht eher auszuliefern, als bis er vom Magistrat
einen Salvuskondukt in so bündiger Form ausgewirkt habe, dass man ihm weder an
das Leben
