 sein Finger am Drücker?
    Viermal zielte er, und viermal setzte er wieder ab.
    Der Mensch, wer er auch sei, trifft Stunden in seinem Leben, wo er tief in
sich blicken kann und gewahr wird, dass eine Stimme des Wahnsinns in ihm
schlummert, die zuzeiten erwacht. Es steht einer im Gebirge an einer jähen,
schwindelnden Felsenwand, da taucht plötzlich die Stimme in ihm auf und sagt
ihm: Spring da hinab. Oder er hat einen Freund bei sich, der ihm nie etwas
zuleid getan, der sich ihm als feuerfest erwiesen hat; die Stimme sagt: Gib ihm
einen Stoß, dass er hinunter fliegt. Die menschliche Gesellschaft, die für ihren
Bestand zu sorgen hat, macht mit Recht den Menschen verantwortlich, damit er
dieser Stimme nicht gehorcht. Wer in seiner gesunden Kraft wandelt, der kämpft
sie leicht nieder und lächelt über sie, wie der Mensch über die Sprünge seines
tierischen Zerrbildes lächelt. Wo aber Leidenschaft, wo Hass und Rache die Stimme
beflügeln, da wird der Kampf schwerer. Und doch wird jeder, der in den
dunkelsten Stunden seines Lebens sein menschlich Teil gerettet oder verloren
hat, Zeugnis geben, dass eine innere Bewegung mit der Gewalt einer unsichtbaren
Macht eingegriffen und seiner Hand ein Halt geboten hat. Selbst im Kriege,
besonders wenn der einzelne dem einzelnen gegenüber steht, wird es oft der
mordgewohnten Hand schwer, einen neuen Mord zu begehen. Nur die Henker sind von
jener inneren Macht so fürchterlich verlassen, dass sie mit kaltem Blute die
Rache der Gesellschaft an einem rohen Verletzer einer rohen Ordnung vollziehen
können. Und oft selbst diese nicht!
    Kampf und Wut und Schrecken umnebelten den Geist des ausgestossenen Sohnes
der Gesellschaft, der sich vergebens beredete, dass er mit kaltem Blute in dem
Kriege, welcher gegen ihn geführt wurde, seinen Feind niederschiessen könne.
Seine Rachegedanken waren ihm wüst und unklar durch die Seele gegangen; sie
schwanden hin, und gänzliche Verwirrung seiner Sinne blieb zurück, in welcher
nichts von Hass und Rache, nichts von Bewusstsein mehr war, in welcher nur jene
dunkle Stimme fort und fort flüsterte: »Tu's! Tu's! Du musst es tun!«
    Der Schuss krachte über das Tal hinüber, der Hirsch war mit einem Satze
verschwunden, und der Rauch, der von dem Gewehr aufstieg, verhüllte den
friedlich blauen Himmel einen Augenblick. Obgleich von oben nach unten
versendet, hatte der Schuss nicht gefehlt. Der Mörder hörte und sah, während der
Rauch sich verzog, wie sein Opfer aus der gebückten Stellung sich aufrichtete,
die Hand auf den Unterleib drückte und ausrief: »Oh, du verfluchter Hund - er
hat mich getroffen!« Der Gefährte des Fischers eilte hinzu und riss ihn
