 er einem andern
gönnt, und tut einem andern etwas, was er sich selbst nicht angetan wissen will.
Das aber ist zu viel Freiheit, und Er weiß wohl, was zu viel ist, das ist vom
Übel. Eigentlich sollten wir unsere Freiheit bloß dazu anwenden, um einander
lauter Liebes und Gutes zu tun; denn wenn die Menschen alle einander dienen
würden, dann wäre ja ein jeglicher so wie ein Diener auch wieder ein Herr, und
dann wäre die wahre Freiheit in der Welt.«
    »Ja, wenn alle so wären, wie der Herr Waisenpfarrer, dann wär's keine Kunst,
ihnen zu dienen. Aber so ist's nicht in der Welt. Da ist viel Herzenshärtigkeit
und Schlechtigkeit, nicht bloß solche, die den Nebenmenschen übervorteilt,
sondern auch Bosheit, die ihm ohne allen Grund die Milch sauer macht, und wenn
man auf so einen Giftmichel trifft, so meint eben die Faust gleich, sie müsse
ein Wörtlein mit ihm reden.«
    »Mein Sohn«, sagte der alte Geistliche, »man hat den Verstand dazu, dass man
der Faust nicht ihren Willen lässt. Und es kommt nur darauf an, dass man einem
Menschen seine gute Seite abgewinnen lernt. Eine gute Seite hat auch der
Schlimmste. Wenn man aber einmal diese gefunden hat, so ist's, als hätte man den
Schlüssel zu einer sonst verschlossenen Türe, und wenn man hineingeht, so trifft
man oft auf Dinge, die man gar nicht hinter dieser Türe gesucht hätte. Da ist
zum Exempel ein gewisser Friedrich Schwan. Den hat man mir geschildert als einen
rohen, verworfenen Burschen, dessen Herz keiner guten Regung fähig sei - Faust
in Sack! Die Leute urteilen eben nach der Außenseite - und wie ich ihn nun
selber kennenlernte, da fand ich in ihm einen Menschen, dessen Herz wie ein wild
aufgeschossenes Reis ist, trotzig und aufrührisch gegen jedes raue Lüftchen,
weich und geschmeidig gegen jeden freundlichen Sonnenstrahl, einen Menschen, der
gegen harte Worte und Behandlungen störrisch bleibt und den man mit Güte um den
Finger wickeln kann. Ist's nicht so?«
    »Ja, so ist's, Herr Waisenpfarrer«, antwortete der junge Mensch verlegen und
gerührt.
    »Nun, das ist aber auch keine Kunst, gegen Gute gut zu sein. Wenn's weiter
nichts wäre als das, so würden wir ja durch die breite Pforte in den Himmel
eingehen, statt durch die schmale.«
    »Das ist wahr, Herr Waisenpfarrer«, erwiderte der junge Mensch bedenklich.
»Aber wenn alle Menschen unterdienstaft gegeneinander wären, wie Sie vorhin
gesagt haben, so wäre es gerade dasselbe Ding.«
    »Allerdings. Aber da die Menschen
