
unter dem Arm.
    Der junge Mensch war unter dem Tore des Zuchtauses stehengeblieben. In
seinen Mienen zuckte es wie Gewitter und Regenschauer; aber zum Weinen schienen
diese Züge zu derb. Unwillkürlich bewegte er den Fuß, um dem alten Geistlichen
entgegenzulaufen; er besann sich jedoch wieder und blieb schüchtern stehen. Als
jener näher kam, zog er die Mütze und trat ihn mit einer linkischen Verbeugung
an. Man konnte denken, wenn er ein Hund gewesen wäre, so wäre er mit freudigem
Winseln an ihm emporgesprungen und hätte ihm Gesicht und Hände geleckt. So aber
war er ein Wesen, um das der Zuchtausaufseher schwerlich seinen Pudel
hergegeben hätte, ein entlassener Sträfling, ein unbändiger Mensch, voll Trotz
und Roheit; und doch regte sich in seinem Herzen etwas, das wir auch in den
winselnden Tieren ahnen und das die Bibel mit den Worten bezeichnet: das Seufzen
der Kreatur.
    »Mit Verlaub!« stammelte er, - »ich wollte nur dem Herrn Waisenpfarrer Adieu
sagen, weil der Herr Waisenpfarrer immer so gut gegen mich gewesen ist - ich
hätt ja nicht fortgehen können ohne das.«
    Der Waisenpfarrer - denn dieser war es, dem die Seelsorge im Zuchtause
oblag - neigte sich mit freundlichem Lächeln zu ihm. Er hatte aus den
verlegenen, halb verschluckten Worten des sonst sehr anstelligen Burschen den
rechten Kern herausgehört. »So ist Er denn also jetzt frei, Friedrich?« sagte er
zu ihm. »Ich wünsch Ihm von Herzen Glück. Nun gebrauche Er aber auch seine
Freiheit so, wie man eine Gottesgabe gebrauchen muss.«
    »Ich versteh schon, Herr Waisenpfarrer!« erwiderte der Jüngling, der mit der
ersten Anrede seine Beengung weggesprochen und sich in einen Ton bescheidener
Zutraulichkeit hineingefunden hatte. »Ich versteh schon. Das ist wie mit dem
Wein. Der ist auch eine Gottesgabe. Wenn man aber solche Gottesgabe zu hart
strapaziert, so wirft sie den Menschen hin, dass er gleichsam wie vierfüssig wird.
Dagegen, wenn man sie mit Maß genießt, so erfreut sie das Herz und macht helle
Gedanken im Kopf. Grade so ist's auch mit der Freiheit. Wenn man von der über
Durst trinkt, so kann sie einen auch wohin werfen, wo zum Beispiel keine
Freiheit mehr ist.«
    Bei diesen Worten wies er mit dem Daumen über die Schulter nach dem Gebäude,
das er soeben verlassen hatte, und seine weißen Zähne blinkten lachend zwischen
den kirschroten Lippen hervor.
    »Ja, so ist's, mein Freund«, versetzte der Geistliche. »Man pflegt wohl zu
sagen: ich nehme mir die Freiheit, das und das zu tun. Das ist nur so eine
höfliche Redensart. Mancher aber nimmt sich mehr Freiheit, als
