 Phrase wurde stehend und eine anmutige Quelle der Heiterkeit
für Lehrer und Schüler, auch nachdem Veitel einen ungewöhnlichen Scharfsinn
gezeigt hatte und alle Erfordernisse des Charakters, welche für einen Apostel
dieser Geheimlehre nötig waren.
    Der Unterricht wurde für den alten Mann sehr bald ein Bedürfnis des Herzens.
Ja, seines Herzens. Denn er war allerdings ein schlechter Mensch geworden, an
dem etwas Gutes nur schwer aufzufinden gewesen wäre, aber die schwarze Schlacke,
welche er statt eines warmblütigen Menschenherzens in der Brust trug, war doch
noch nicht ganz ausgeglüht; er hatte sehr das Bedürfnis zu hassen, aber
ebensosehr das Bedürfnis, anerkannt zu werden. Nach vielen Jahren fand er jetzt
Gelegenheit, sein Wissen in längerer Rede zu entwickeln, Geist zu zeigen und
einem andern Menschen eine Art von Verehrung einzuflößen. Einst war er ein
gebildeter und scharfsinniger Jurist gewesen; das Gebäude seines Wissens war bei
dem wüsten Leben sehr zerfallen, aber es war noch genug vorhanden, was dem
jungen Wilden imponieren konnte; und mit einer melancholischen Freude, dem
edelsten Gefühl, das der verworfene Mann seit Jahren gehabt hatte, öffnete er
vor dem Jünglinge die verschütteten Türen seines Geistes. Die Aufmerksamkeit
Veitels schmeichelte ihm sehr, er fing an, ihn für sein Geschöpf zu halten, und
fasste allmählich eine Zuneigung zu dem Judenknaben, über die er selbst zynische
Witze machte. Und doch war sie ein Schatz für den Elenden. Denn die Güte der
menschlichen Natur ist unzerstörbar, und die größte Korruption eines Menschen
vermag nicht alles in ihm zu verderben. Immer sucht seine Lebenskraft die
Stellen, wo sie sich gesund und zum Guten entwickeln kann, aber der Fluch einer
verderbten Natur ist, dass auch ein gutes menschliches Empfinden sich ihm zu
Unheil und zur Sünde verkehrt.
    Schnell wurde dem alten Mann sein Schüler wichtiger als irgendeine andere
Person auf Erden. Mit Ungeduld wartete er auf die Abendstunde, in welcher der
geschäftige Bocher zur Vorlesung kam; ja es begegnete ihm, dass er von seiner
Abendkost und von seiner Branntweinflasche einige Reste für Veitel übrig ließ,
und wenn das Judenkind bei dem trüben Lichte vor ihm saß und mit großem Appetit
das kalte Fleisch verzehrte, so konnte der Alte ihn schweigend ansehen und sich
darüber freuen. Und einst als Veitel sich bei rauer Witterung verkältet hatte
und fiebernd unter dünner Decke auf dem Strohsack lag, da ereignete sich das
Unglaubliche, dass der Alte ein Federbett, welches er als privilegierte Person
durch den Wirt erhalten hatte, von seinem eigenen Lager trug und über den
Burschen breitete; und als Veitel ihn dankbar anlachte, freute sich das alte
Geschöpf wieder.
    Veitel verdiente diese Funken von Freundschaft, welche in dem Alten
aufstiegen, denn er bezeugte ihm eine Verehrung, wie sie nur irgendein Schüler
gegen seinen berühmten Lehrer
