 der stupiden Masse
zusammengebracht haben, vergeuden sie in phantastischen Spielereien. Bei uns tun
so etwas doch nur einzelne bevorzugte Klassen, und die Nation kann es zur Not
ertragen. Dort drüben erheben diese Privilegierten den Anspruch, das Volk
darzustellen. Als wenn Edelleute und leibeigene Bauern einen Staat bilden
könnten! Sie haben nicht mehr Berechtigung dazu, als dieses Volk Sperlinge auf
den Bäumen. Das Schlimme ist nur, dass wir ihre unglücklichen Versuche auch mit
unserem Geld bezahlen müssen.«
    »Sie haben keinen Bürgerstand«, sagte Anton eifrig beistimmend.
    »Das heißt, sie haben keine Kultur«, fuhr der Kaufmann fort, »es ist
merkwürdig, wie unfähig sie sind, den Stand, welcher Zivilisation und
Fortschritt darstellt und welcher einen Haufen zerstreuter Ackerbauer zu einem
Staate erhebt, aus sich heraus zu schaffen.«
    »Da ist doch Konrad Günter in der insurgierten Stadt vor uns, dann die
Geschäfte der drei Hildebrandt in Galizien«, warf Anton ein.
    »Brave Leute«, stimmte der Kaufmann bei, »alle aber eingewandert, und der
ehrbare Bürgersinn hat keinen Halt, vererbt sich selten auf die nächste
Generation. Was man dort Städte nennt, ist nur ein Schattenbild von den unsern,
und ihre Bürger haben blutwenig von dem, was bei uns das arbeitsame Bürgertum
zum ersten Stande des Staates macht.«
    »Zum ersten?« frug Anton.
    »Ja, lieber Wohlfart, die Urzeit sah die einzelnen frei und in der
Hauptsache gleich, dann kam die halbe Barbarei der privilegierten Freien und der
leibeigenen Arbeiter, erst seit unsere Städte groß wuchsen, sind zivilisierte
Staaten in der Welt, erst seit der Zeit ist das Geheimnis offenbar worden, dass
die freie Arbeit allein das Leben der Völker groß und sicher und dauerhaft
macht.«
    Im Abendlicht kamen die Reisenden im Grenzort an. Es war ein kleines Dorf,
welches außer den Zollgebäuden und den Wohnungen der Grenzbeamten nur ärmliche
Hütten und eine Schenke zu zeigen wusste. Auf dem freien Platz zwischen den
Häusern und um das Dorf herum biwakierten zwei Eskadronen Reiter, welche ihre
Posten längs dem schmalen Grenzfluss aufgestellt hatten und mit einem Detachement
Jäger die Grenze bewachten. In der Schenke war ein wildes Treiben, Husaren und
Jäger zogen ein und zogen aus, Husaren und Jäger saßen Kopf an Kopf gedrängt in
der kleinen Gaststube, bunte Dolmans und grüne Röcke lagerten um das Haus herum
auf Stühlen, Tischen, Pferderaufen, wankenden Tonnen und jedem möglichen Gerät,
welches irgendeine Methode des Sitzens gestattete. Wie unzählige Herren Pixe
kamen sie Anton vor, so entschlossen verfuhren sie mit der Schenke und allem
Inhalt derselben, lebendigem und flüssigem. Mit lautem Gruß empfing der jüdische
Wirt den wohlbekannten Kaufherrn; durch seinen Diensteifer wurde der letzte Raum
des Hauses
