 nicht. Ich meine, wer in unserm
Leben unzufrieden ist, der wird es mit dem Leben in Teheran oder in Kalkutta
noch mehr sein, wenn er längere Zeit dort lebt. Es muss dort viel einförmiger und
langweiliger sein, als bei uns. Ich lese das auch aus Reisebeschreibungen
heraus. Was den Reisenden reizt, ist das Neue; wenn das Fremde alltäglich
geworden ist, sieht es gewiss ganz anders aus.«
    »Wie arm an großen Eindrücken unser zivilisiertes Treiben ist«, entgegnete
Bernhard, »das müssen Sie selbst in Ihrem Geschäft manchmal empfinden, es ist so
prosaisch, was Sie tun müssen.«
    »Da widerspreche ich«, erwiderte Anton eifrig, »ich weiß mir gar nichts, was
so interessant ist, als das Geschäft. Wir leben mitten unter einem bunten Gewebe
von zahllosen Fäden, die sich von einem Menschen zu dem anderen, über Land und
Meer aus einem Weltteil in den anderen spinnen. Sie hängen sich an jeden
einzelnen und verbinden ihn mit der ganzen Welt. Alles, was wir am Leibe tragen,
und alles, was uns umgibt, führt uns die merkwürdigsten Begebenheiten aller
fremden Länder und jede menschliche Tätigkeit vor die Augen; dadurch wird alles
anziehend.
    Und da ich das Gefühl habe, dass auch ich mitelfe, und sowenig ich auch
vermag, doch dazu beitrage, dass jeder Mensch mit jedem andern Menschen in
fortwährender Verbindung erhalten wird, so kann ich wohl vergnügt über meine
Tätigkeit sein. Wenn ich einen Sack mit Kaffee auf die Waage setze, so knüpfe
ich einen unsichtbaren Faden zwischen der Kolonistentochter in Brasilien, welche
die Bohnen abgepflückt hat, und dem jungen Bauernburschen, der sie zum Frühstück
trinkt, und wenn ich einen Zimtstengel in die Hand nehme, so sehe ich auf der
einen Seite den Malaien kauern, der ihn zubereitet und einpackt, und auf der
anderen Seite ein altes Mütterchen aus unserer Vorstadt, das ihn über den
Reisbrei reibt.«
    »Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft und sind glücklich, weil Sie Ihre
Arbeit als nützlich empfinden. Aber was der höchste Stoff für die Poesie ist,
ein Leben reich an mächtigen Gefühlen und Taten, das ist bei uns doch sehr
selten zu finden. Da muss man wie der englische Dichter aus den zivilisierten
Ländern hinaus unter Seeräuber gehen.«
    »Nein«, versetzte Anton hartnäckig, »der Kaufmann bei uns erlebt ebensoviel
Großes, Empfindungen und Taten, als irgendein Reiter unter Arabern oder Indern.
- Je ausgebreiteter sein Geschäft ist, desto mehr Menschen hat er, deren Glück
oder Unglück er mitfühlen muss, und desto öfter ist er selbst in der Lage, sich
zu freuen oder Schmerzen zu empfinden. - Neulich hat hier ein großes Haus
Bankrott gemacht.«
    »
