 sollte?«
    »Wie meinen Sie das, Fürst?«
    »Ich meine, dass seit zwanzig Jahren sich ein wesentliches Element der
Volkserregung geändert hat, der Glauben an das Heilige. Unsere Revolutionaire
seit 1789 haben ihr eifrigstes Bemühen darauf gerichtet gehalten, die religiöse
Gläubigkeit und Ehrfurcht im Volke mit Füßen zu treten und zu vernichten. Der
Liberalismus hat geglaubt, zu seinem Halt zunächst die Geister von den Fesseln
der Religion befreien, seine sogenannte Aufklärung in die Herzen der Jugend
pflanzen zu müssen. Was ist seit 1830 von den Propaganden in Paris und London
anders geschehen, als schonungslose Maltraitirung der religiösen Gefühle der
Völker? Die heranwachsende Generation lohnt dies Bestreben. Mit der Religiosität
des Volkes schwindet unbedingt auch das Nationalgefühl. In Spanien, wo man die
Kirche ihrer Güter und Würden beraubt hat, wird kein Heldenkampf mehr
stattfinden wie 1809, als die Priester das Kreuz in der Hand dem Volke voran
gingen. Was macht die Unzahl der Rebellionen in Frankreich, die Nichts geschafft
haben, als augenblickliche Gewalt, - als nur die erlangte Unfähigkeit einer
gewaltigen höheren Idee? Woran scheiterten die Bewegungen von 48 in Polen,
Ungarn, Deutschland, Italien? - Doch nur daran, dass es an einer erhebenden Idee
fehlte, welche gemeinsam die Masse belebte. Alle Ihre Revolutionen und
Revolutiönchen sind im Grunde nur tausend einzelne Intriguenspiele und Kämpfe
der einzelnen individuellen Interessen geworden. Die Fähigkeit zur Revolution
haben unsere Revolutionaire selbst erstickt.«
    »Sie haben nicht ganz Unrecht, Fürst,« entgegnete nachdenkend der Graf,
»aber wie wollen Sie diese Theorie auf ein Volk wie das unsere anwenden, dessen
Masse die geistige Selbstständigkeit fehlt?«
    »Um so mehr, lieber Graf. Glauben Sie wirklich, dass die Herabwürdigung der
Kirche in Rom, die Vertreibung es Papstes, die österreichische und französische
Occupation des Kirchenstaates so spurlos an der Masse des Volkes, an dem
Priestertum und selbst an den Gebildeteren vorübergegangen sind? - Ich nicht! -
Die Heiligkeit, das Ansehen unserer Kirche hat grade durch die liberalen
Revolutionen in den durch und durch katholischen Ländern überall verloren. Sie
werden schwerlich mehr die Geistlichkeit an der Spitze einer polnischen oder
französischen Revolution sehen! Grade durch das religiöse Prinzip und das streng
von Oben herab aufrecht erhaltene Ansehen der ortodoxen griechischen Kirche ist
Russland stark, und wir werden vielleicht Gelegenheit haben, Wunder von
Aufopferungsfähigkeit der Massen diesem Kriege zu schauen, wenn das eintrifft,
was Sie mir mit solcher Bestimmtheit angekündigt haben, die Aufnahme des Krieges
gegen Russland durch Frankreich und England.«
    »Die religiöse Apathie kann aber immer nur ein einzelner Grund sein.«
    »Sie haben Recht, aber ein wichtiger. Der Liberalismus hat das Volk selbst
denken gemacht. Das Denken führt den Zweifel herbei und ist der
