
gewöhnlichen Leben, wenn nicht besondere Leidenschaften ihn erregen, milde und
gerecht. Es kommt häufig vor, dass die Sklaven nach einer längeren oder kürzeren
treuen Dienstzeit frei gelassen und von dem Herrn ausgestattet, ja, mit einer
Tochter der Familie verheiratet werden. Viele der ersten türkischen
Würdenträger selbst der Neuzeit waren und sind solche freigelassene Sclaven3.
    Der Moslem schenkt oder verheiratet oft eine seiner Sclavinnen seinem
Sohne, doch darf sie in einem solchen Fall nicht des Vaters Koncubine gewesen
sein und wird durch die Heirat frei. Die durch den Umgang mit den Sclavinnen
erzeugten Kinder werden als legitim betrachtet. Die Scheidung von einer Frau ist
sehr leicht, obschon selten.
    Wir haben bereits erwähnt, dass die Herrschaft der rechtmäßigen Frau im
Innern des Hauses eine eben so große ist, wie im kultivirten Europa, und sie
duldet eben so wenig eine Nebenbuhlerin in ihrer Nähe. Daher ist denn auch das
Recht zur Heirat von vier Frauen im Allgemeinen ein sehr problematisches und
wird nur von Denen ausgeübt, die reich genug sind, ein großes Harem oder jeder
der Frauen eine besondere Wohnung zu halten. Der Neid und die Eifersucht in den
Harems ist überaus heftig und artet häufig in Tätlichkeiten, ja in geheime und
offene Verbrechen aus.
    Die Abgeschiedenheit der Frauen außer dem Hause ist noch immer sehr groß.
Während im Haremlik4 ihr Anzug und ihre Sitte eine übertrieben freie ist,
obschon sie auch da nur vor dem Mann, den Kindern, den Eunuchen und
Frauenbesuchen unverschleiert erscheinen, ist jeder Verkehr mit anderen Männern
auf das Strengste verpönt. Seit der Regierung des vorigen Sultans haben sie zwar
größtenteils die Freiheit des Ausgehens und Ausfahrens, und man sieht, wie
erwähnt, in den Straßen und Läden Konstantinopels Frauen in Menge, doch immer
streng verhüllt und verschleiert, und kein Muselmann übertritt die Sitte und
schaut ihnen, wie es bei uns geschieht, in das Gesicht. Selbst der Mann würde es
für unschicklich halten, wenn er seiner Frau, die ihm begegnet, durch ein
Zeichen merken ließe, dass er sie erkannt. Dass bei der Langeweile des Harems und
des orientalischen Lebens im weiblichen Geschlecht sich auch alle Schwächen
ihrer freien situirten Schwestern oft in erhöhtem Grade geltend machen, und
Eitelkeit und Sinnlichkeit sie sehr häufig zum Kokettiren mit fremden Männern
und zum gefährlichen Eingehen von Liebeshändeln führen, ist natürlich.
Dergleichen Verständnisse sind in Konstantinopel gar nichts Seltenes, sowohl mit
jungen türkischen Effendi's, als mit Franken. Die Eitelkeit der Frauen hat
übrigens den garstigen Yaschmak, der früher nur die Augen frei ließ, bereits bis
zur Nasenspitze herabgerückt, und wo sich die Gelegenheit findet, fällt derselbe
bei den Jungen und Schönen oft noch tiefer. Die französischen Hilfstruppen haben
in dieser Beziehung Wunder getan.
    Die Verhältnisse im Harem des Großherrn
