 die fernen Berge
Anatoliens herauf dämmerte, erhoben sich die Reisenden vom Verdeck, wo sie ihr
improvisirtes Lager gefunden, oder kamen langsam aus den Kajüten und Sabinen zum
Vorschein. Das Verdeck eines Levante-Dampfers bietet, nachdem er von Athen
abgefahren, ein eigentümlich seltsames Schauspiel, dessen bunte Konturen von
Insel zu Insel an Mannigfaltigkeit gewinnen. Der Kapitain lässt das Deck der
Schanze mit einer vorbereiteten Bretterlage überziehen, um es vor den Spuren des
Kochens, Bratens und Schlafens säuberlich zu bewahren. Eine besondere Abteilung
für die Frauen und Kinder wird abgegränzt; mit Teppichen und Ballen aller Art
und Form nehmen die Ankömmlinge den kleinen ihnen gestatteten Raum ein; Kreise
bilden sich um den Dreifuss, auf dem alsbald der Granatapfel schmort oder die
Zwiebel und das Hammelstückchen zischt; die Frauen bereiten den Kaffee oder
holen ihn in kleinen Schälchen von dem alten Moslem, der mitten auf dem Verdeck
seine Bude gleich den Schilderhäuschen unserer Obstöker aufgeschlagen hat.
Überall strecken sich lange Pfeifen quer über den schmalen, von dem
hochaufgetürmten Gepäck gelassenen Gang; um die Küche drängt sich eine lärmende
Menge, vom Koch glühende Kohlen zum Anzünden ihrer Nargilehs oder Schibucks zu
betteln; zwischen den Haufen der plappernden, lachenden, gestikulirenden
Griechen sitzt auf seinen Kissen in ernster Gravität der Muselmann, von seinem
schwarzen Sklaven bedient; Weiber mit dem wundervoll zarten Teint und den
unzierlichen Gestalten der Frauen der Cycladen schlürfen in ihren klappernden
Holzpantoffeln umher. Das dunkle brennende Auge zwischen den gefärbten Wimpern,
durch die eigentümliche Schwärzung des unteren Augenlides noch flammender
gemacht, misst frei und offen den Fremden, oder blickt neugierig unter dem
Yaschmak hervor, dem Mousselinschleier, welcher die orientalischen Schönheiten
verhüllt, und den die Bekennerin des Propheten nur in den vertrauten Gemächern
des Harems ablegt. Dazwischen bewegt sich das Volk der Matrosen, meist sehnige,
sonnverbrannte Figuren von den Küsten der oberen Adria, hin und wieder ein
Italiener aus dem Golf von Tarent, stößt ohne Unterschied der Person, wer ihm im
Wege steht oder liegt bei Seite: den Armenier, der auf dem Hühnerkorb sein Gold
zählt und mit einem Andern um den leichten venetianischen Dukaten oder den
beschnittenen Ghazi feilscht, ebenso wie den türkischen Juden, der in seinem
blauen Tuchtalar geschmeidig durch die Menge schlüpft. Für den europäischen
Reisenden hört mit dem Schritt über Athen hinaus jede Bequemlichkeit und
Gewohnheit der nördlichen Zivilisation auf; der Platz auf dem Hühnerkasten, auf
dem Bogspriet oder den Bänken des großen Decks, von dem aus behaglich
hingestreckt er unterm Schutz des Zeltpavillons die Oliventerrassen der
ionischen Inseln, die dunklen Felsenwände von Tschernagora und Albanien, den
zauberhaften Golf von Lepanto betrachtet hat, ist besetzt, kaum findet er einen
Raum an der Brustwehr frei, von dem aus er hinaus das trunkene Auge tauchen kann
in die unermessliche Fläche
