 und immer weiter
ausdehnen möchte. Die Politik der Staaten Europa's muss die Herrschaft der Pforte
ungeschmälert aufrecht erhalten.«
    »Die Politik?« rief mit Empörung der Grieche. »Sie haben Recht, dies
herzlose Wort zu gebrauchen, das einst den Namen Europa's mit Schmach auf den
Blättern der Geschichte beladen wird. Diese Staaten und Könige nennen sich die
christlichen, die Verteidiger und Beschützer der Kirche - und sie dulden, dass
ein christliches Volk die Fesseln der Moslems trägt! Hatte Spanien ein größeres
Recht denn wir, als es ein gesittetes kunsttätiges Volk über das scheidende
Meer im Namen des Kreuzes zurückwarf? zog der Pole Sobieski nach Wien bloß zur
Rettung der Kaiserstadt oder für den Sieg des Christenglaubens? Schmach über die
Nationen des christlichen Europa's, die Missionen auf Missionen zu den fernen
Heiden senden und für ihre christlichen Brüder im eigenen Erdteil kein Gefühl
haben! Schmach endlich über Ihre Liberalen und Republikaner, die Revolutionen
proklamiren in Ländern, die sich wohl fühlen unterm Schutz der Ordnung und des
Gesetzes, und für die Befreiung eines Brudervolks von den Ketten hundertfach
ärgerer Sklaverei, als je Russland oder Österreich einem Lande auferlegt hat,
kein Wort, keine Waffe haben, ja, die diese Waffen noch Denen zu leihen sich
drängen, welche die Fesseln dieses geknechteten Volkes für weitere Jahrhunderte
schmieden wollen!«
    »Unterm Schutz Frankreichs und Englands wird die Zivilisation und das Recht
des Einzelnen auch hier den Sieg gewinnen, schon hat der Divan sich zu
bedeutenden Verbesserungen entschließen müssen und eine neue bessere Aera blüht
auch für die christliche Bevölkerung der Türkei empor.«
    Karaiskakis legte die Hand auf seinen Arm.
    »Glauben Sie wirklich, dass es Versöhnung geben kann zwischen dem Opfer und
seinem Henker? dass ein Volk, das solche Leiden getragen, so Ungeheures erduldet
hat, wie das meine, je den Unterdrücker ehren und lieben lernen wird? Meinen
Sie, dass es ein Vergessen zu geben vermag zwischen einem Hellenen und einem
Bekenner des Propheten? - Dann, Welland, dann haben Sie nie erfahren, was wir
gelitten, dann haben Sie nie bedacht, dass seit Jahrhunderten das Blut des Vaters
den Sohn, die Schmach der Schwester den Bruder, das Gewimmer der gemordeten
Säuglinge die Mütter zum ewigen unauslöschlichen Hass entflammt hat und mein Volk
entflammen wird, so lange noch der Name Moslem das Land jenseits dieses
trennenden Meeres entehren wird. Ihre Zeitungen, Ihre Fürsten, Ihre Völker haben
vergessen, was vor kaum dreißig Jahren auf jenen Bergen, auf jenen Inseln
geschehen - aber wir vergaßen es nicht, die wir in den Strömen des vergossenen
Blutes geboren und mit der Verzweiflung gesäugt worden sind. Ich ward es,
Welland, ich, der Sohn des unglücklichen Chios, und wollen Sie
