
aber jederzeit, dass alles eitel Schall und Rauch gewesen. Es gibt geborene
Protestanten, und ich möchte mich zu diesen zählen, weil nicht ein Mangel an
religiösem Sinne, sondern, freilich mir unbewusst, ein letztes feines Räuchlein
verschollener Scheiterhaufen, durch die hallende Kirche schwebend, mir den
Aufenthalt widerlich machte, wenn die eintönigen Gewaltsätze hin- und
hergeworfen wurden. Nicht als ob ich mir einbilden wollte, ein scharfsinnig
polemisches Wunderkind gewesen zu sein; sondern es war reine Sache des
angeborenen Gefühles.
    So wurde ich gewaltsam auf meinen Privatverkehr mit Gott zurückgedrängt, und
ich beharrte auf meiner Sitte, meine Gebete und Verhandlungen selbst zu
verfassen nach meinem Bedürfnisse und sie auch in Ansehung der Zeit nur dann
anzuwenden, wenn ich ihrer bedurfte. Einzig das Vaterunser wurde morgens und
abends regelmäßig, aber lautlos, gebetet.
    Aber nicht nur dieses geschah. Auch aus meinem innern und äußern Spiel- und
Lustleben wurde der liebe Gott verdrängt und konnte weder durch die Frau Margret
noch durch meine Mutter darin erhalten werden. Für lange Jahre wurde mir der
Gedanke Gottes zu einem prosaischen nüchternen Gedanken, in dem Sinne, wie die
falschen Poeten das wirkliche Leben für prosaisch halten im Gegensatze zu dem
erfundenen und fabelhaften. Das Leben, die sinnliche Natur waren
merkwürdigerweise mein Märchen, in dem ich meine Freude suchte, während Gott für
mich zu der notwendigen, aber nüchternen und schulmeisterlichen Wirklichkeit
wurde, zu welcher ich nur zurückkehrte wie ein müdgetummelter, hungriger Knabe
zur alltäglichen Haussuppe und mit der ich so schnell fertig zu werden suchte
als möglich. Solches bewirkte die Art und Weise, wie die Religion und meine
Kinderzeit zusammengekuppelt wurden. Wenigstens kann ich mich, trotzdem dass jene
ganze Zeit wie ein heller Spiegel vor mir liegt, nicht entsinnen, dass ich vor
dem Erwachen der Vernunft je einen Andachtschauer, wenn auch noch so kindlich,
empfunden hätte.
    Selbst die biblischen Geschichten, welche wir lasen, verschmolzen sich ganz
mit den weltlichen Unterhaltungen, und ich gewann an der Geschichte Josephs und
seiner Brüder und andern prächtigen Episoden nur einen Stoff mehr für meine
profanen Kompositionen. Aus diesem Grunde waren die biblischen Erzählungen, wie
sie gewöhnlich für Kinder ausgezogen werden, lange Zeit mein Hauptbuch neben der
Bibliothek der Frau Margret, und nur selten führte mich ein Anflug von
Gelehrsamkeit dazu, mich in die Bibel zu vertiefen und ein ergiebiges
Quellenstudium zu betreiben, da der hohe Schwung der Sprache für das Kind
unzugänglich war und nur Stoff zum Lächerrlichmachen dessen gab, was ich nicht
begriff.
    Ich betrachte diese halb gottlose Zeit gerade der weichsten und bildsamsten
Jahre, welche deren wohl sieben bis achte andauerte, als eine kalte öde Strecke
und weise die Schuld einzig auf den Katechismus und seine Handhaber. Denn wenn
ich recht scharf in jenen vergangenen
