 gegen
ihn die gute und verschwenderische Frau, die sie sonst war, und sie hätte
vielleicht ohne den vierzigjährigen Lebensgenossen und sein spasshaftes
Umhertreiben nicht einen Tag leben können; auch ihm war es mittlerweile wohl
genug, und er besorgte mit humoristischer Geschäftigkeit die Küche, während sie
im Kreise ihrer schwärmerischen Genossen die überfüllte Phantasie entzügelte.
Doch in jeder Jahreszeit einmal, wenn in der Natur die großen Veränderungen
geschahen und die alten Menschen an die schnelle Vergänglichkeit ihres Lebens
erinnerten und ihre körperlichen Gebrechen fühlbarer wurden, erwachte, meistens
in dunklen schlaflosen Nächten, ein entsetzlicher Streit zwischen ihnen, dass sie
aufrecht in ihrem breiten altertümlichen Bette saßen, unter dem einen
buntbemalten Himmel, und bis zum Morgengrauen, bei geöffneten Fenstern, sich die
tödlichen Beleidigungen und Zankworte zuschleuderten, dass die stillen Gassen
davon widerhallten. Sie warfen sich die Vergehungen einer fern abliegenden,
sinnlich durchlebten Jugend vor und riefen Dinge durch die lautlose Nacht aus,
welche lange vor der Wende dieses Jahrhunderts in Bergen und Gefilden geschehen,
wo seitdem ganze dichte Wälder entweder gewachsen oder verschwunden, und deren
Teilnehmer längst in ihren Gräbern vermodert waren. Dann stellten sie sich
darüber zur Rede, welchen Grund das eine denn zu haben glaube, das andere
überleben zu können? und verfielen in einen elenden Wettstreit, welches von
ihnen wohl noch die Genugtuung haben werde, das andere tot vor sich zu sehen.
Wenn man am Tage darauf in ihr Haus kam, so wurde der greuliche Streit vor jedem
Eintretenden, ob fremd oder bekannt, fortgeführt, bis die Frau erschöpft war und
in Weinen und Beten verfiel, indes der Mann anscheinend munterer wurde, lustige
Weisen pfiff, sich einen Pfannkuchen backte und fortwährend irgendeine Flause
dazu herumreite. Er konnte auf diese Weise einen ganzen Morgen hindurch nichts
sagen als immer: »Einundfunfzig! einundfunfzig! einundfunfzig!« oder zur
Abwechslung einmal: »Ich weiß nicht, ich glaube immer, die alte Kunzin da drüben
ist heute früh spazierengeritten! sie hat gestern einen neuen Besen gekauft! ich
habe so was in der Luft flattern sehen, das sah ungefähr aus wie ihr roter
Unterrock; sonderbar! hm! einundfunfzig« usf. dabei hatte er Gift und Tod im
Herzen und wusste, dass seine Frau durch das Betragen doppelt litt; denn sie hatte
keine Bosheit noch Mutwillen, um den Kampf auf diese Weise fortzusetzen. Was
aber beide in diesem Zustande sich zuleide taten, bestand dann gewöhnlich in
einer verschwenderischen Freigebigkeit, womit sie alles beschenkten, was ihnen
nahekam, gleichsam als wollte eines vor des andern Augen den Besitz aufzehren,
nach dem ein jedes trachtete.
    Der Mann war gerade kein gottloser Mensch, sondern ließ, indem er in der
gleichen wunderlichen Art wie an Gespenster und Hexen, so auch an Gott und
