 und rüstig darauf aus ist,
das edle Wild der Mehrheit erjagen zu helfen, von der er selbst ein Teil ist und
die ihm deswegen doch nicht teurer ist als die Minderheit, die er besiegt, weil
diese von gleichem Fleisch und Blut ist hinwieder mit der Mehrheit.
    »Aber die Mehrheit«, rief er vor sich her, »ist die einzige wirkliche und
notwendige Macht im Lande, so greifbar und fühlbar wie die körperliche Natur
selbst, an die wir gefesselt sind. Sie ist der einzig untrügliche Halt, immer
jung und immer gleich mächtig; daher gilt es, unvermerkt sie vernünftig und klar
zu machen, wo sie es nicht ist. Dies ist das höchste und schönste Ziel. Weil sie
notwendig und unausweichlich ist, so kehren sich die übermütigen und verkehrten
Köpfe aller Extreme gegen sie in unvermögender Wut, indessen sie stets
abschliesst und selbst den Unterlegenen sicher und beruhigt macht, während ihr
ewig jugendlicher Reiz ihn zu neuem Ringen mit ihr lockt und so sein geistiges
Leben erhält und nährt. Sie ist immer liebenswürdig und wünschbar, und selbst
wenn sie irrt, hilft die gemeine Verantwortlichkeit den Schaden ertragen. Wenn
sie den Irrtum erkennt, so ist das Erwachen aus demselben ein frischer Maimorgen
und gleicht dem Schönsten und Anmutigsten, was es gibt. Sie lässt es sich nicht
einfallen, sich stark zu schämen, ja die allgemein verbreitete Heiterkeit lässt
den begangenen Fehltritt kaum ungeschehen wünschen, da er ihre Erfahrung
bereichert, diese Freude hervorgerufen hat und durch sein schwindendes Dunkel
das Licht erst recht hell und fröhlich erscheinen lässt.
    Sie ist die reizende Aufgabe, an welcher sich ihr einzelner messen kann, und
indem er dies tut, wird er erst zum ganzen Mann, und es tritt eine wundersame
Wechselwirkung ein zwischen dem Ganzen und seinem lebendigen Teile. Mit großen
Augen beschaut sich erst die Menge den einzelnen, der ihr etwas vorsagen will,
und dieser, mutvoll ausharrend, kehrt sein bestes Wesen heraus, um zu siegen. Er
denke aber nicht, ihr Meister zu sein; denn vor ihm sind andere dagewesen, nach
ihm werden andere kommen, und jeder wurde von der Menge geboren; er ist ein Teil
von ihr, welchen sie sich gegenüberstellt, um mit ihm, ihrem Kinde und Eigentum,
ein erbauliches Selbstgespräch zu führen. Jede wahre Volksrede ist nur ein
Monolog, den das Volk selber hält. Glücklich aber, wer in seinem Lande ein
Spiegel seines Volkes sein kann, der nichts widerspiegelt als dies Volk,
indessen dieses selbst nur ein kleiner heller Spiegel der weiten lebendigen Welt
ist!«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Jetzt war er auf dem Berge angekommen, der gegenüber der Stadt lag, und er sah
plötzlich deren Linden hoch in den Himmel tauchen und die goldenen Kronen der
Münstertürme
