, dass es nicht darauf ankommt, ob Sie das
Grundvermögen Ihres Bewusstseins und Daseins außer sich oder in sich verlegen,
und wenn dem nicht so wäre, wenn ich denken müsste, Sie wären ein anderer mit
Gott und ein anderer ohne Gott, so würden Sie mir nicht so lieb sein, so würde
ich nicht das Vertrauen zu Ihnen haben, das ich wirklich empfinde.
    Dies ist es auch, was diese Zeiten zu vollbringen und herbeizuführen haben
nämlich vollkommene Sicherheit des menschlichen Rechtes und der menschlichen
Ehre bei jedem Glauben und jeder Anschauung, und zwar nicht nur im Staatsgesetz,
sondern auch im persönlichen vertraulichen Verhalten der Menschen zueinander. Es
handelt sich heutzutage nicht mehr um Ateismus und Freigeisterei, um
Frivolität, Zweifelsucht und Weltschmerz, und welche Spitznamen man alles
erfunden hat für schwächliche und kränkliche Dinge! Es handelt sich um das
Recht, ruhig zu bleiben im Gemüt, was auch die Ergebnisse des Nachdenkens und
des Forschens sein mögen, und unangetastet und ungekränkt zu bleiben, was man
auch mit wahrem und ehrlichem Sinne glauben mag. Übrigens geht der Mensch in die
Schule alle Tage, und keiner vermag mit Sicherheit vorauszusagen, was er am
Abend seines Lebens glauben werde! Dafür haben wir die unbedingte Freiheit des
Gewissens nach allen Seiten!
    Aber dahin muss die Welt gelangen, dass sie mit eben der schuldlosen guten
Ruhe, mit welcher sie ein neues Naturgesetz, einen neuen Stern am Himmel
entdeckt, auch die Vorgänge und Ergebnisse in der geistigen Welt hinnimmt und
betrachtet, auf alles gefasst und stets sich gleich als eine Menschheit, die da
in der Sonne steht und sagt Hier stehe ich!«
    Auf fast ganz weibliche Weise schlüpfte Heinrich in die Grundsätze derer
hinein, die er liebte und die ihm wohlwollten, und dies war wohl weniger
unmännliche Schwäche als der allgemeine Hergang in diesen Dingen, wo die besten
Überzeugungen durch den Einfluss honetter und klarer Persönlichkeit vermittelt
werden. War doch der Graf selbst, der gewiss ein Mann war, durch das Wesen eines
kleinen unwissenden Mädchens zu seiner Abrechnung veranlasst worden. Doch wollte
Heinrich nicht hinter ihm zurückbleiben und studierte, wohl aufgelegt und von
einer anhaltenden neigungsvollen Wärme durchdrungen, die Geschichte des
theologischen und philosophischen Gedankenganges der neueren Zeit, wobei ihm
jede Erscheinung, jedes Für und Wider, insofern sie nur ganzer und wesentlicher
Natur waren, gleich lieb und wichtig wurden, und nur das Naseweise,
Inquisitorische und Fanatische in jeder Richtung widerte ihn an.
    Die Kultur der Religionen vermag die Völker nur aus dem Gröbsten zu hobeln
und zu verändern. Auf einer gewissen Stufe angekommen, hat jeder Mensch seinen
bestimmten Wert, welcher nicht um ein Quentchen verliert oder gewinnt, ob er
diesen Wert in oder außer sich sucht. Dies empfand Heinrich, wie der Graf ihm
gesagt
