 eine umfangreiche Bewegung, aber
mit einem süßen und gehaltreichen Kern, und nur die äußere derbe Schale eines
noch größeren und wichtigern geistigen Glückes, der reinsten nationalen Freude.
    Gegenüber diesem einheitlichen organischen Leben gibt es nun auch ein
gespaltenes, getrenntes, gewissermaßen unorganisches Leben, wie wenn Spinoza und
Rousseau große Denker sind ihrem innern Berufe nach und, um sich zu ernähren,
zugleich Brillengläser schleifen und Noten schreiben. Diese Art beruht auf einer
Entsagung, welche in Ausnahmsfällen dem selbstbewussten Menschen wohl ansteht,
als Zeugnis seiner Gewalt. Die Natur selbst aber weist nicht auf ein solches
Doppelleben, und wenn diese Entsagung, die Spaltung des Wesens eines Menschen
allgemein gültig sein sollte, so würde sie die Welt mit Schmerz und Elend
erfüllen. So fest und allgemein wie das Naturgesetz selber sollen wir unser
Dasein durch das nähren, was wir sind und bedeuten, und das mit Ehren sein, was
uns nährt. Nur dadurch sind wir ganz, bewahren uns vor Einseitigkeit und
Überspannteit und leben mit der Welt im Frieden, so wie sie mit uns, indem wir
sie sowohl bedürfen mit ihrer ganzen Art, mit ihrem Genuss und ihrer Müh, als sie
unser bedarf zu ihrer Vollständigkeit, und alles das, ohne dass wir einen
Augenblick aus unserer wahren Bestimmung und Eigenschaft herausgehen.
    Wenn nun schon unter den hervorragenden Existenzen jenes künstlichen
Ernährungsverkehres ein solches Durcheinander von Geltung, Pflicht, Ehre und
Zweckmässigkeit herrscht, so dass diese in jedem Augenblicke und an jeder Stelle
einen andern Maßstab und eine andere Anerkennung verlangen, eine andere Energie
und eine andere Geschicklichkeit, wie schwierig wird diese Verwickelung erst für
den unbefangenen und einfach gearteten Neuling, Kleinen und Werdenden! Weit
entfernt, sein wahres Wesen hervorkehren zu dürfen und dieses einfach wirken zu
lassen, soll er tausend kleine Künste und Fähigkeiten lügen oder gewaltsam
erwerben, welche zu allem, was er sonst ist, treibt und gelernt hat, sich
vollkommen unsinnig und zweckwidrig verhalten. Er soll lernen, auf den Vorteil
zu schießen, wie eine Spinne auf die Mücke, während vielleicht die besondere
Natur seines Berufes langsam, gründlich und beschaulich ist; er soll demütig und
kriechend sein, wo er stolz sein möchte, und hinwieder unverschämt und
prahlerisch, wo er nur bescheiden sein kann; er muss geizig und zurückhaltend
sein mit dem Reifen und Fertigen, das sich wie die Frucht von dem Baume seines
Daseins ablösen will, und er muss hinwieder mit blutendem Herzen freigebig sein
mit dem Unreifen und Werdenden und es wegwerfen um des Erwerbes willen. Wenn er
nimmt, was ihm gebührt, so muss er dafür danken, und erst wenn er empfängt, was
ihm nicht gebührt, so ist er des Dankes quitt und hat Ehre davon, so dass schon
die notwendige Angewöhnung und Gewandtheit des
