 besten Willen, noch über seine Meinung
hinaus das bedingteste Wesen von der Welt ist und ohne die notwendige Nahrung,
ohne einen gesättigten Grund von Erfahrung, Einsicht und bereits erfüllten
Bestimmungen so ruhig schläft wie das Weizenkorn auf dem Speicher. Dieser Grund,
dieser Humus aber ist für jede Anlage ein anderer, gleichwie die Distel nicht da
gedeiht, wo das Korn wächst, die Fichte noch fortkommt, wo die Tanne
verschwindet, und selbst auf dem gleichen Boden bildet der Lindenkeim ein rundes
Blatt, die Eiche ein gezacktes.
    Heinrichs Lage erforderte, dass er sich nun mit allem Ernste in seinem
erwählten Berufe an ein Ziel bringe, entweder seine eingetretene Mutlosigkeit
und Täuschung in der Wahl, wenn dieselbe eine vorübergehende war, überwinde
oder, wenn er sich darüber klar gemacht, mit raschem Entschlusse ein anderes
Bestimmtes ergreife, ehe noch mehr Jahre ins Land gingen. Allein eben zu diesem
Entschlusse noch zu irgendeinem hatte er durchaus keine Wahl, weil er sich zu
dieser Zeit an Erfahrung und Umsicht tausendmal ärmer fühlte als früher, da er
ein bescheidenes, aber sicher begrenztes Ziel verfolgt hatte. Doch er war sich
nicht einmal dieses Mangels einer Wahl und eines freien Entschlusses bewusst,
sondern wie der Keim eines Samenkornes, sobald er etwas Wärme und Feuchte
verspürt, nur erst ein Würzelchen auszudehnen und ein Stämmchen an das Licht zu
bringen sucht, ehe er seine besondere Blattform ansetzt, so wurde Heinrich durch
seinen Instinkt getrieben, das Bewusstsein ohne Nutzanwendung und Mäßigung zu
bereichern und zu erfahren, was es eigentlich überhaupt zu lernen und zu bebauen
gäbe in der Menschengeschichte.
    So sog er, während er mit ernstem Patos einen bewussten freien Willen zu
üben wähnte, aber willenlos alle seine Angelegenheiten und bisherige Tätigkeit
da liegenliess, wo sie zuletzt gelegen, so sog er jetzt, einer willenlosen
durstigen Pflanze gleich, die Nahrung der Erfahrung und das Lebenslicht der
Einsicht in sich und setzte damit nur den im zarten Knabenalter gewaltsam
unterbrochenen Prozess fort, aber mit um so größerer Schwere, als er unterdessen
ein erwachsener Mensch geworden.
    Sein liebster Aufenthalt war nun das Universitätsgebäude. Er besuchte die
verschiedensten Vorlesungen und sah überall, was da gelernt werde, darüber alle
Sorgen vergessend und das äußere Auge vor der Zukunft verschliessend, aber
innerlich umhertastend gleich der Raupe, die für ihren bestimmungsvollen
Heisshunger ein anderes Baumblatt sucht.
    Zu der Zeit seiner Jean Paulschen Belesenheitsbildung hatte er das
Rechtswesen für eine Sache gehalten, von der absolut nichts zu wissen noch zu
ahnen eine Ehre für jeden wohlangelegten Menschen sein müsse, und die Juristen
waren ihm eine Art unglücklicher, in keiner Beziehung beneidenswerter
Schicksalsgenossen gewesen, deren unterste Stufe etwa die Häscher und Abdecker
wären, vom Abhub und Eiter der Gesellschaft lebend. Der Zivilrichter war ihm
dazumal noch viel verächtlicher als der
