 von einem
erschreckten Pferde einmal abgeworfen oder von seinem allzu überlegenen Tiere
bewogen werden könne, durch ein anderes Strässlein zu reiten, als er eigentlich
gewollt hat. Ob nun ein gutes Reiterregiment denkbar wäre, das aus lauter
Offizieren bestände, das heißt aus Leuten, welche ihren freien Willen zur
Grundlage ihrer Tüchtigkeit machten, und in Betracht, dass Bürgerwehrkavallerie,
wo dies der Fall ist, nicht viel taugt, dies zu beantworten gehört nicht
hierher, da jedes Gleichnis hinkt, welches man über seine Bestimmung hinaus
verfolgt.
    Wird der Steuermann, fuhr Heinrich fort, zufälliger Stürme wegen, die ihn
verschlagen können, der Abhängigkeit wegen von günstigen Winden, wegen
schlechtbestellten Fahrzeuges und unvermuteter Klippen, wegen verhüllter
Leitsterne und verdunkelter Sonne sagen »Es gibt keine Steuermannskunst!« und es
aufgeben, nach bestem Vermögen sein vorgenommenes Ziel zu erreichen?
    Nein, gerade die Unerbittlichkeit, aber auch die Folgerichtigkeit,
Notwendigkeit der tausend ineinandergreifenden Bedingungen in ihrer Klarheit
müssen uns reizen, das Steuer nicht fahrenzulassen und wenigstens die Ehre eines
tüchtigen Schwimmers zu erkämpfen, welcher in möglichst grader Richtung quer
durch einen stark ziehenden Strom schwimmt. Nur zwei werden nicht Über solchen
Strom gelangen derjenige, welcher sich nicht die Kraft zutraut und sich von den
Wellen widerstandslos fortreißen lässt, und der andere, welcher vorgibt, er
brauche gar nicht zu schwimmen, er wolle hinüberfliegen in der Luft, er wolle
nur noch ein Weilchen warten, bis es ihm recht gelegen und angenehm sei!
    Dann kam Heinrich noch einmal auf den Satz zurück, wiederholte ihn und
befestigte ihn recht in sich Die Frage nach einem gesetzmässigen freien Willen
ist zugleich in ihrem Entstehen die Ursache und Erfüllung derselben, und wer
einmal diese Frage getan, hat die Verantwortung für eine sittliche Bejahung auf
sich genommen.
    Dies war einstweilen das Schlussergebnis, welches er aus jenen
antropologischen Vorlesungen davontrug, und indem er dasselbe sich ernstaft
vorsagte, merkte er erst, dass er bis jetzt vom Zufälligen sich habe treiben
lassen, wie ein Blatt auf dem Bache; oder er dachte sogleich an seine
aufgeschriebene Jugendgeschichte, die in seinem alten Koffer lag, und an alles
seither Erlebte, und alles kam ihm nunmehr mit einem Blicke vor wie ein
unbewusster Traum. Zugleich fühlte er aber, dass er von nun an sein Schifflein
tapfer lenken und seines Glückes und des Guten Schmied sein müsse, und ein
sonderbares, verantwortlichkeitsschwangeres Wesen kräuselte sich tief in seinem
Gemüte, wie er es bis jetzt noch nie empfunden zu haben sich erinnerte.
 
                                Drittes Kapitel
Aber der freie Wille des Menschen gleicht dem Keime, der im Samenkorne liegt und
des feuchten und warmen Erdreiches bedarf, um sich entwickeln und wachsen zu
können. Heinrich musste sogleich erfahren, dass dieser Keim, dieser löbliche
Vorsatz des freien Willens, auch beim
