 moralischen Frucht, als ob eine Ähre und eine Erdscholle
nicht unzweifelhaft zwei Dinge, zwei Gegenstände wären.
    Das kam daher, dass er jedesmal auf diesem Punkte einer kleinen Verwirrung
anheimfiel, welche seine Begeisterung für seinen materiellen Gegenstand
anrichtete und in welcher er ein wenig zu jener großen Schule derer gehörte, die
das Wesentliche vom Unwesentlichen nicht zu unterscheiden wissen; denn in dem
Augenblicke, wo es sich um eine moralische Welt handelt, hört die Materie, so
fest jene an diese geschmiedet ist, auf, das Höchste zu sein, und nach dem
Edleren muss man trachten, sonst wird das, was man schon hat, blind und unedel.
    Es reizte Heinrich, auch in dieser Frage die Welt seinem Gotte, zwar immer
in dessen Namen, unabhängig gegenüberzustellen und einen moralischen freien
Willen des Menschen, als in dessen Gesamtorganismus begründet und als dessen
höchstes Gut, aufzufinden. Sogleich sagte ihm ein guter Sinn, dass, wenn auch
dieser freie Wille ursprünglich in den ersten Geschlechtern und auch jetzt noch
in wilden Völkerstämmen und verwahrlosten einzelnen nicht vorhanden, derselbe
sich doch einfinden und auswachsen musste, sobald überhaupt die Frage nach ihm
sich einfand, und dass, wenn Voltaires Trumpf »Wenn es keinen Gott gäbe, so müsste
man einen erfinden!« viel mehr eine Blasphemie als eine »positive« Redensart
war, es sich nicht also verhalte, wenn man dieselbe auf das Dasein des freien
Willens anwende, und man vielmehr nach Menschenpflicht und - recht sagen müsse
Wenn es bis diesen Augenblick wirklich keinen freien Willen gegeben hätte, so
wäre es »des Schweisses der Edlen« wert, einen solchen zu erringen,
hervorzubringen und seinem Geschlechte für alle Zeiten zu übertragen.
    Gegenüber den materialistischen sowohl als den mystischen Gegnern des freien
Willens, den Leuten von der Gnadenwahl, steht die rationelle Richtung, die
Vernunftgläubigkeit von Gottes Gnaden, die Bekennerin des bestimmten und
unbeschränkten freien Willens, göttlichen Ursprungs, unzweifelhafter Allmacht
und der untrügliche Richter seiner selbst. Aber diese Richtung hegt, bei diesem
Anlasse, ebensowenig Achtung vor dem Körperlich-Organischen und dessen
bedingender Kontinuität als die Materialisten von der gröbsten Sorte vor dem
vermeintlichen Abstraktum, und ihr absoluter rationalistischer freier Wille ist
ein kleiner Springinsfeld, dessen Leben, Meinungen und Taten eben auch nicht
weiter reichen, als es gelegentlich allerlei Umstände erlauben wollen. Heinrich,
welcher seinen bisherigen Meinungen nach ganz dazu angetan war, sich zu dieser
Fahne zu schlagen, hatte jetzt schon zuviel Aufmerksamkeit und Achtung für das
Leibhafte und dessen gesetzliche Macht erworben, als dass er es unbedingt getan
hätte. Vielmehr geriet er auf den natürlichen Gedanken, dass das Wahrste und
Beste hier wohl in der Mitte liegen dürfte, dass innerhalb des ununterbrochenen
organischen Verhaltens, der darin eingeschachtelten Reihenfolge der Eindrücke,
Erfahrungen und
