. Diese Ökonomie verlangt, dass wir an das Natürliche
glauben, solange wir es nicht ausgemessen haben und mit unseren kleinen Schädeln
an den Rand gestoßen sind, und sie ist es, welche uns zuruft Was wollt ihr aus
der Schule laufen und suchet ein Verdienst darin, an das Übernatürliche zu
glauben, welches der Tod des Natürlichen ist, solange eure kühnsten und
erhabensten übernatürlichen Einbildungen und Vorstellungen noch tausendmal
dunkler, ungewisser und kleiner sind als die natürlichen Wirklichkeiten, zu
deren Erkenntnis und Begriff ihr ein sicheres Pfand in der Hand habt? Ist das
Verdienst, Treue, Ausdauer und Weisheit? Nein, es ist Untreue, Feldflüchtigkeit
und Torheit!
    Dergleichen Dinge ließ der vortragende Lehrer, nicht in solchen Ausdrücken,
aber mit solchen Eindrücken seine Zuhörer gelegentlich zwischen den Zeilen
lesen. Heinrich gehörte zu denen, welche recht wohl zwischen den Zeilen zu lesen
wussten, und zwar weil er einen natürlichen Sinn für das Erhebliche besaß, auf
welches es ankommt, und mit der Aufmerksamkeit und dem raschen Instinkte der
Autodidakten das Wesentliche ersah, das hinter den Dingen liegt. Er merkte auch
bald, dass es sich um nichts Geringeres als um seinen Glauben an Gott und
Unsterblichkeit handle; aber indem er denselben für lange geborgen und es nicht
für nötig hielt, auf seine Rettung bedacht zu sein, war er um so freisinniger
beflissen, alles aufzufassen und zu begreifen, was die innere Notwendigkeit,
Identität und Selbständigkeit der natürlichen Dinge bewies; denn eine wahrhaft
wahre und freie Natur steht nicht an, sondern sie sucht es geflissentlich,
Zugeständnisse zu machen, wo sie nur immer kann, gleich jenem idealen Könige,
der noch nie dagewesen ist und von welchem man träumt, dass er nicht aus
Klugheit, sondern um ihrer selbst willen und rein zu seinem Vergnügen
Konzessionen mache. Rechtaberei und Not sind die Mütter der Lüge; aber die
Notlüge ist ein unschuldiges Engelskind gegenüber der Lüge aus Rechtaberei,
welche eines ist mit Hochmut, Eitelkeit, Engherzigkeit und nackter Selbstsucht
und nie ein Zugeständnis macht, eben um keines zu machen. So entstand aus der
Lüge die Rechtgläubigkeit auf Erden und aus der Rechtgläubigkeit wieder die
Lüge; freilich auch ein Kreislauf und eine Identität!
    Heinrich freute sich im Gegenteile, im Namen seines liberalen und generösen
Gottes jedes Fleckchen Welt einzuräumen, das sich selbst bewirtschaften konnte,
und er gab sich redlich Mühe, ein festes Bewusstsein von solcher freien
Notwendigkeit oder notwendigen Freiheit zu gewinnen, nicht zweifelnd, dass alles
zur größeren Ehre Gottes geschehe wie des Menschen, dessen Ehre mit der größeren
Selbständigkeit und Verantwortlichkeit wachsen musste.
    Er suchte sich daher auch außer den antropologischen Stunden so gut als
möglich zu unterrichten, und wie er z.B. durch die Lehre vom Auge zum ersten
Male veranlasst wurde, sich
