 war und mit welchem er nicht ein Wort gesprochen hatte;
denn es ist nicht eine schlimme Eigenschaft des Menschen, dass er für geistige
Wohltaten dankbarer ist als für leibliche, und sogar in dem erhöhten Masse, dass
die Dankbarkeit und Anhänglichkeit wächst, je weniger selbst die geistige
Wohltat irgendeinem unmittelbaren äußerlichen Nutzen Vorschub zu leisten
scheint. Nur wenn leibliches Wohltun so hingebend und unwandelbar ist, dass es
Zeugnis gibt von einer moralischen Kraft, also dem Empfänger wiederum zu einer
geistigen Erfahrung und Wohltat, zu einem innern Halt- und Stützpunkte wird,
erreicht seine Dankbarkeit eine schönere Höhe, welche ihn selber bildet und
veredelt. Die Erfahrung, dass unbedingte Tugend und Güte irgendwo sind, ist ja
die schönste, die man machen kann, und selbst die Seele des Lasterhaften reibt
sich vor Vergnügen ihre unsichtbaren dunklen Hände, wenn sie sich überzeugt, dass
andere für sie gut und tugendhaft sind.
    Mit dem praktischen Sinne und dem raschen Aneignungsvermögen des
Autodidakten fand sich Heinrich zurecht in der reichen Welt, die sich ihm
auftat; mit der plastischen Anschauungsweise, welche er als Künstler mitbrachte,
wusste er die verschiedenen Momente des organischen Wesens lebendig aufzufassen,
auseinanderzuhalten, wieder zu verbinden und sich deutlich einzuprägen und so
die Kunde von dem, woraus er eigentlich bestand, wodurch er atmete und lebte, in
dem edelsten Teile desselben selbst aufzubewahren und mit sich herumzutragen,
ein Vorgang, dessen Natürlichkeit jetzt endlich wohl so einleuchtend werden
dürfte, dass er zum Gegenstande allgemeinster Erziehung gemacht wird. Mit dieser
Kenntnis, auf welche der Mensch das erste Anrecht hat, müssten alle Volksschulen
abschließen; sie ist es, welche alle anderen von selbst anzieht, und in
notwendigster Weise sehr zweckmäßige gerade je nach Beschaffenheit des lernenden
jungen Menschen. Alle Einwürfe und Altklugheit, Halbverständnis oder gar von
Verbreitung einer allgemeinen Hypochondrie in das unbefangene Volksgemüt werden
verstummen, sobald die klassische Form für den großen öffentlichen Unterricht
vom leiblichen Menschen gefunden ist.
    Die Kenntnis vom Charakteristischen und Wesentlichen der Dinge lässt
diejenige vom letzten Grunde einstweilen eher vermissen oder führt wenigstens
auf den Weg, denselben auf eine vernünftigere und mildere Weise zu suchen,
während sie zugleich alle unnützen, müßigen Märchen und Vorurteile hinwegräumt
und dem Menschen einen schönen, wirklichen Stoff und Halt zum Nachdenken gibt,
ein Nachdenken, welches dann zu dem einzig möglichen Ideal, zu dem, was wirklich
besteht, hinführt. Welch ein Unterschied ist zwischen dem teosophischen
Phantasten, der immerdar von der Quelle des Lichtes als von einem irgendwo ins
Zentrum gesetzten sprühenden Feuertopfe spricht, und zwischen dem sterbenden
Goethe, welcher nach mehr Licht rief, aber ein besseres Recht dazu besaß als
jener, der nie sich um einen wahrhaften wirklichen Lichtstrahl bekümmert hat.
Welch ein Ersatz für das hergebrachte begriffslose Wort Ewigkeit ist die
Kenntnisnahme von
