 er vom
vierzehnten Jahre an bis heute gelebt, nicht viel mehr als ein Zufall, eine
durch zufällige Umstände bedingte Ideenverbindung gewesen sei.
    Jünglinge von zwei- oder dreiundzwanzig Jahren wissen noch nicht, dass jedes
Leben seinen eigenen Mann macht, und haben noch keine Trostgründe für Jahre,
welche sie verloren wähnen. Wenn sie schon bei acht Jahre zurückzählen können,
die sie über einer Lebenstätigkeit zugebracht, so befällt sie eine Art heiligen
Grauens, selbst wenn diese Jahre wohl angewandt sind. Sie vertändeln, verträumen
die Stunden und Tage, aber sie hegen einen tiefen Respekt vor den Jahren, tun
sich auf ihre Jugend soviel als möglich zu gut und stecken sich unaufhörlich
feste Ziele, welche sie in so oder so viel Jahren erreichen wollen.
    Um so verdutzter und bitterlicher lächelte Heinrich jetzt vor sich hin. Er
ergriff in der Verwirrung seine alte Flöte, tat einige seiner naturwüchsigen
selbsterfundenen Läufe darauf und warf sie wieder weg. Der Ärmste ahnte aber
nicht einmal, was die verklungenen Töne gesungen hatten und dass, wenn zufällig
ein Klavier in seinem elterlichen Hause gestanden und er etwa als Kind einen
Musikkundigen in der Nähe gehabt hätte, es sich vielleicht jetzt gar nicht
einmal um Bäume oder Menschen handeln, sondern er irgendwo als eingeübter
Musikant oder gar als hoffnungsvoller Komponist existieren würde, der auf seinen
selbstgewählten Beruf schwüre, ohne auf einem festern Grunde zu stehen, kurz,
dass ihn der Zufall auf hundert andere vermeintliche Bestimmungen hätte führen
können.
 
                                Zweites Kapitel
Mehr um für seine verwirrten Gedanken ein Unterkommen zu finden als aus einem
festen Entschlusse drehte nun Heinrich den Fechter herum und zeichnete denselben
während mehrerer Tage von verschiedenen Seiten. Sobald aber das erste
instinktive Geschick und Feuer sich abgekühlt, drängte es ihn, die
Erscheinungen, welche sich auf dieser bewegten Oberfläche zeigten, in ihrem
Grund und Wesen näher zu kennen. In der Meinung, keine Zeit mehr zu verlieren,
ging er vor allem aus, eine genauere Kunde vom menschlichen Körper zu erwerben,
und suchte zu diesem Zwecke einige junge Mediziner auf, die er als Landsleute
kennengelernt und zuweilen gesehen hatte. Sie zeigten ihm bereitwillig ihre
anatomischen Atlanten, erklärten aus ihrem Wissen heraus, was ihnen gut dünkte,
und führten ihn in die öffentlichen Sammlungen, wohl auch durch die Säle, wo ein
blühendes Geschlecht von Jünglingen, geleitet von gewandten Männern, mit
vergnügtem Eifer einen Vorrat von Leichen zerlegte.
    Als Heinrich erstaunte, so viele begeisterte Leute zu sehen, welche ein und
denselben Gegenstand in allseitigster Bestrebung hin und her wandten und sich
der bloßen Erkenntnis freuten, ohne etwas dazu- noch davonzutun, noch die
mindeste Erfindungslust zu besitzen, als er noch mehr erstaunte über die reiche
Welt selbst, welche sich bei näherer Einsicht an diesem einzigen Gegenstande
selbst auftat, mit
