 mich der treffliche Mann weitergeführt
und würde seine zweite Jugend in mir verlebt haben. Wie mir das Zusammenleben
zwischen Brüdern ebenso fremd als beneidenswert ist und ich nicht begreife, wie
solche meistens auseinanderweichen und ihre Freundschaft ausserwärts suchen, so
erscheint mir auch, ungeachtet ich es täglich sehe, das Verhältnis zwischen
einem Vater und einem erwachsenen Sohne um so neuer, unbegreiflicher und
glückseliger, als ich Mühe habe, mir dasselbe auszumalen und das nie Erlebte zu
vergegenwärtigen.
    So aber muss ich mich darauf beschränken, je mehr ich zum Manne werde und
meinem Schicksale entgegenschreite, mich zusammenzufassen und in der Tiefe
meiner Seele still zu bedenken Wie würde er nun an deiner Stelle handeln, oder
was würde er von deinem Tun urteilen, wenn er lebte? Er ist vor der Mittagshöhe
seines Lebens zurückgetreten in das unerforschliche All und hat die überkommene
goldene Lebensschnur, deren Anfang niemand kennt, in meinen schwachen Händen
zurückgelassen, und es bleibt mir nur übrig, sie mit Ehren an die dunkle Zukunft
zu knüpfen oder vielleicht für immer zu zerreißen, wenn auch ich sterben werde.
- Nach vielen Jahren hat meine Mutter, nach langen Zwischenräumen, wiederholt
geträumt, der Vater sei plötzlich von einer langen Reise aus weiter Ferne, Glück
und Freude bringend, zurückgekehrt, und sie erzählte es jedesmal am Morgen, um
darauf in tiefes Nachdenken und in Erinnerungen zu versinken, während ich, von
einem heiligen Schauer durchweht, mir vorzustellen suchte, mit welchen Blicken
mich der teuere Mann ansehen und wie es unmittelbar werden würde, wenn er
wirklich eines Tages so erschiene.
    Je dunkler die Ahnung ist, welche ich von seiner äußeren Erscheinung in mir
trage, desto heller und klarer hat sich ein Bild seines innern Wesens vor mir
aufgebaut, und dies edle Bild ist für mich ein Teil des großen Unendlichen
geworden, auf welches mich meine letzten Gedanken zurückführen und unter dessen
Obhut ich zu wandeln glaube.
 
                                Fünftes Kapitel
Die erste Zeit nach dem Tode meines Vaters war für seine Witwe eine schwere Zeit
der Trauer und Sorge. Seine ganze Verlassenschaft befand sich im Zustande des
vollen Umschwunges und erforderte weitläufige Verhandlungen, um sie ins reine zu
bringen. Eingegangene Verträge waren mitten in ihrer Erfüllung abgebrochen,
Unternehmungen gehemmt, große laufende Rechnungen zu bezahlen und solche
einzuziehen an allen Ecken und Enden, Vorräte von Baustoffen mussten mit Verlust
verkauft werden, und es war zweifelhaft, ob bei der augenblicklichen Lage der
Verhältnisse auch nur ein Pfennig übrig bleiben würde, wovon die bekümmerte Frau
leben sollte. Ge-richtsmänner kamen, legten Siegel an und lösten sie wieder; die
Freunde des Verstorbenen und zahlreiche Geschäftsleute gingen ab und zu, halfen
und ordneten; es wurde durchgesehen, ge rechnet, abgesondert, gesteigert. Käufer
und neue Unternehmer meldeten sich, suchten die
