 mit
jugendlichem Ernste nach dem Ideale der alten herkömmlichen großen Historie
strebte und von Zeit und Leben keine Erfahrung hatte. Italien, seine Luft und
seine Frauen lehrten ihn, dass Form, Farbe und Glanz nicht nur für die Leinwand,
sondern auch zum lebendigen Gebrauch gut und dienlich seien. Er wurde ein
Realist und gewann von Tag zu Tag eine solche Kraft und Tiefe in der Empfindung
des Lebens und des Menschlichen, dass die Überlieferungen seiner Jugend und
Schülerzeit dagegen erbleichen mussten. Wohl drängte sich diese Kraft gleich in
die Malerhand; aber indem er mit gewissenhaftem Fleiße sich in die Werke der
Alten vertiefte, musste er sich überzeugen, dass diese großen Realisten schon
alles getan, was in unserm Jahrtausend vielleicht überhaupt erreicht werden
konnte, und dass wir einstweilen weder so erfinden und zeichnen werden wie
Raffael und Michelangelo noch so malen wie die Venezianer. Und wenn wir es
könnten, sagte er sich, so hätten wir keinen Gegenstand dafür. Wir sind wohl
etwas, aber wir sehen wunderlicherweise nicht wie etwas aus, wir sind bloßes
Übergangsgeschiebe. Wir achten die alte Staats-und religiöse Geschichte nicht
mehr und haben noch keine neue hinter uns, die zu malen wäre, das Gesicht
Napoleons etwa ausgenommen; wir haben das Paradies der Unschuld, in welchem jene
noch alles malen konnten, was ihnen unter die Hände kam, verloren und leben nur
in einem Fegefeuer. Wenigstens war es bei ihm wirklich der Fall. Lys gähnte
schon, wenn er von weitem ein historisches, allegorisches oder biblisches Bild
sah, war es auch von noch so gebildeten und talentvollen Leuten gemacht, und
rief »Der Teufel soll den holen, welcher behauptet, ergriffen zu sein von dieser
Versammlung von Bärten und Nichtbärten, welche die Arme ausrecken und
gestikulieren!« Von dem Anlehnen des Malers an die Dichtung oder gar an die
Geschichte der Dichtung wollte er jetzt auch nichts mehr wissen; denn seine
Kunst sollte nicht die Bettlerin bei einer anderen sein. Alle diese Widersprüche
zu überwinden und ihnen zum Trotz das darzustellen, was er nicht fühlte noch
glaubte, aber es durch die Energie seines Talentes doch zum Leben zu bringen,
nur um zu malen, dazu war er zu sehr Philosoph und, so seltsam es klingen mag,
zu wenig Maler.
    So schloss er sich nach seiner Rückkehr ab, malte nur wenig und langsam, und
was er malte, war wie ein Tasten nach der Zukunft, ein Suchen nach dem
ruhevollen Ausdruck des menschlichen Wesens, in dem Beseligtsein in seiner
eigenen körperlichen Form, sei sie von Lust oder Schmerz durchdrungen. Er malte
am liebsten schöne Weiber nach der Natur oder solche männliche Köpfe, deren
Inhaber Geist, Charakter und etwas Erlebnis besaßen. Die wenigen Bilder, welche
er jahrelang unvollendet und doch
