 desto gewisser wurde
es mir, dass Judit das Rechte getroffen, und ich gelangte zu einem Schluss,
welcher, indem er zugleich zu einem Entschluss wurde, nämlich das Bewusstsein des
begangenen Unrechtes nie mehr vergessen und immer in seiner ganzen Frische
tragen zu wollen, mir die einzig mögliche Ausgleichung zu sein schien. Nur einer
kann und soll verzeihen und vergessen, der von Unrecht Betroffene selbst, der
Täter und alle anderen können es niemals, solange eine innere oder äußere Spur
übrigleibt. Dies kann man am deutlichsten an den großen Beispielen der
Geschichte sehen. Die Tausende, welche Philipp der Zweite verbrennen ließ, haben
ihm gewiss längst verziehen und betrachten ihn wie einen andern Mann, der gefehlt
hat, während die Millionen Protestanten, welche leben, ihm immer noch nicht
verzeihen können, weil die Wirkungen seiner Tat noch täglich vor unser aller
Augen sind, und ihn selbst betreffend, ist es gar nicht denkbar, dass er sein
weltgeschichtliches Unrecht habe vergessen können; denn wenn er auch mit seinem
Tode als König abgesetzt und in den Wirbel der anderen Wesen gerissen wurde, so
hörte er darum nicht auf, Philipp der Zweite zu sein, vielmehr, wenn er es je
gewesen ist, wird er es ewig bleiben. Dadurch aber, dass nur die vom Unrecht
Betroffenen unmittelbar verzeihen, was man so verzeihen nennt, bleibt zuletzt
doch kein Hass übrig als derjenige gegen das Böse, das man in sich selber hat;
denn das Nichtverzeihen der übrigen ist wieder etwas anderes.
    Es ist merkwürdig, dass die Menschen immer nur große Dummheiten, die sie
begangen, glauben nicht vergessen zu können, sich bei deren Erinnerung vor den
Kopf schlagen und kein Hehl daraus machen, zum Zeichen, dass sie nun klüger
geworden; begangenes Unrecht aber machen sie sich weis allmählich vergessen zu
können, während es in der Tat nicht so ist, schon deswegen, weil das Unrecht mit
der Dummheit nahe verwandt und ähnlicher Natur ist. Ja, dachte ich, so
unverzeihlich mir meine Dummheiten sind, wird es auch mein Unrecht sein! Was ich
an Römer getan, werde ich von nun an nie mehr vergessen und, wenn ich
unsterblich bin, in die Unsterblichkeit hinübernehmen, denn es gehört zu meiner
Person, zu meiner Geschichte, zu meinem Wesen, sonst wäre es nicht passiert!
Meine einzige Sorge wird sein, zu trachten, dass ich noch so viel Rechtes tue,
dass mein Dasein erträglich bleibt!
    Ich sprang auf und verkündete der Judit diese Ausführung und Anwendung
ihrer einfachen Worte; denn es dünkte mir ein wichtiges Ereignis, so für immer
auf das Vergessen einer Übeltat zu verzichten. Judit zog mich nieder und sagte
mir ins Ohr »Ja, so wird es sein; du bist jetzt erwachsen und hast
