 an alles Gewordene und
Bestehende, welche das Recht und die Bedeutung jeglichen Dinges ehrt und den
Zusammenhang und die Tiefe der Welt empfindet. Diese Liebe steht höher als das
künstlerische Herausstehlen des einzelnen zu eigennützigem Zwecke, welches
zuletzt immer zu Kleinlichkeit und Laune führt; sie steht auch höher als das
Genießen und Absondern nach Stimmungen und romantischen Liebhabereien, und nur
sie allein vermag eine gleichmäßige und dauernde Glut zu geben. Es kam mir nun
alles und immer neu, schön und merkwürdig vor, und ich begann, nicht nur die
Form, sondern auch den Inhalt, das Wesen und die Geschichte der Dinge zu sehen
und zu lieben. Obgleich ich nicht stracks mit einem solchen fix und fertigen
Bewusstsein herumlief, so entsprang das nach und nach Erwachende doch durchaus
aus jenen dreißig Tagen, so wie deren Gesamteindrucke noch folgende Ergebnisse
ursprünglich zuzuschreiben sind.
    Nur die Ruhe in der Bewegung hält die Welt und macht den Mann; die Welt ist
innerlich ruhig und still, und so muss es auch der Mann sein, der sie verstehen
und als ein wirkender Teil von ihr sich widerspiegeln will. Ruhe zieht das Leben
an, Unruhe verscheucht es; Gott hält sich mäuschenstill, darum bewegt sich die
Welt um ihn. Für den künstlerischen Menschen nun wäre dies so anzuwenden, dass er
sich eher leidend und zusehend verhalten und die Dinge an sich vorüberziehen
lassen als ihnen nachjagen soll; denn wer in einem festlichen Zuge mitzieht,
kann denselben nicht so beschreiben wie der, welcher am Wege steht. Dieser ist
darum nicht überflüssig oder müßig, und der Seher ist erst das ganze Leben des
Gesehenen, und wenn er ein rechter Seher ist, so kommt der Augenblick, wo er
sich dem Zuge anschliesst mit seinem goldenen Spiegel, gleich dem achten Könige
im Macbet, der in seinem Spiegel noch viele Könige sehen ließ. Auch nicht ohne
äußere Tat und Mühe ist das Sehen des ruhig Leidenden, gleichwie der Zuschauer
eines Festzuges genug Mühe hat, einen guten Platz zu erringen oder zu behaupten.
Dies ist die Erhaltung der Freiheit und Unbescholtenheit unserer Augen.
    Ferner ging eine Umwandlung vor in meiner Anschauung vom Poetischen. Ich
hatte mir, ohne zu wissen wann und wie, angewöhnt, alles, was ich in Leben und
Kunst als brauchbar, gut und schön befand, poetisch zu nennen, und selbst die
Gegenstände meines erwählten Berufes, Farben wie Formen, nannte ich nicht
malerisch, sondern immer poetisch, so gut wie alle menschlichen Ereignisse,
welche mich anregend berührten. Dies war nun, wie ich glaube, ganz in der
Ordnung, denn es ist das gleiche Gesetz, welches die verschiedenen Dinge
poetisch oder der Widerspiegelung ihres Lebens wert macht; aber in bezug auf
manches, was ich bisher poetisch nannte, lernte
